Zwei Tage, bevor ein Starkregenereignis Gottsbüren und Gieselwerder verwüsten würde, besuchten Frau K. und ich zusammen mit unseren lieben Verwandten eine Ausstellung in Kassel – genauer gesagt, die „Lichtwege“, die seit einigen Jahren an den Weinbergterrassen mitten in Kassel stattfinden.
Der „Weinberg“ ist eine ziemlich außergewöhnliche Location. Es handelt sich um Kalksteinfelsen, die mitten in der Stadt in die Höhe ragen. Im 19. Jahrhundert trieben Kasseler Bauern Stollen in die Felsen, um ihn für die Einlagerung von Eis nutzbar zu machen.
Dieses Eis wurde in den Wintermonaten in der Fulda geschlagen, um es dann im Sommer für die Kühlung von Bier verwenden zu können. Später wurden die in den Felsen getriebenen Stollen auch für die Einlagerung von Wein verwendet, hauptsäclhich daher die zweckentfremdete Bezeichnung „Weinberg“.
Die Industriellen-Familie Henschel ließ auf dem Weinberg eine protzige Villa bauen, Teile davon wurden allerdings 1931 schon wieder abgerissen, weil man sich den Unterhalt nicht mehr leisten konnte – ehe man mit Waffenlieferungen an die Nazis schwer reich wurde. Doch auch das war nur von kurzer Dauer, und den Rest besorgten dann die Alliierten dann beim großen Angriff auf Kassel am 22. Oktober 1943.
Heute ist der Weinberg Heimat von Museen, Gedenkstätten… und eben den jährlich stattfindenden „Lichtwegen“.
Im Sommer 2024 waren wir also auch dort, und ebenfalls anwesend waren die Künstler, die auf den „Lichtwegen“ ihre Arbeiten ausstellten, und mit denen man sich über ihre Kunst unterhalten konnten.
Seitdem wir aus Rhöndorf weggezogen waren, sah es um unsere Versorgung mit kulturellen Veranstaltungen eher mau aus. Deshalb nahmen wir diese Gelegenheit gerne wahr und tauchten ein in die aufregende, bunte Welt der Formen und Klänge auf den „Lichtwegen“ – eine Veranstaltung, die uns unendlich weit entfernt erschien von den Störfällen, mit denen wir uns zuhause im Dorf herumzuschlagen hatten.
Doch je länger ich über die Weinbergterrassen wandelte und je mehr Kunst ich betrachtete und die Geschichten dahinter erfuhr, desto ruhiger und nachdenklicher wurde ich – und erst war mir gar nicht klar, warum.

Schließlich kam ich zu einer Art Lichtinstallation mit Sound, und die dafür verantwortliche Künstlerin redete gerade mit ihrem Publikum darüber, wie es sich für sie anfühle, Künstlerin zu sein. Wie sie es erlebte, wenn ihre Kunst zu ihr spreche.
Und in diesem Moment musste ich tatsächlich lachen.
Nicht, weil mir das so lächerlich erschien. Ich kenne diese Momente sehr gut, wenn das, was ich erschaffe, ein Eigenleben entwickelt und mit mir kommuniziert. Wenn aus ein paar dahin geworfenen Tönen und Akkorden viel mehr wird, wenn ich plötzlich etwas Neues darin höre, und wenn ich das Gefühl habe, meine Musik möchte mir etwas sagen.
Ich verstand die Frau also tatsächlich sehr gut. Das war auch das Problem. Das hier war meine Welt, und doch war sie es nicht.
Ich sehe mich als Künstler
Aber schon an der Art und Weise, wie ich das schreibe, fällt dem geneigten Leser eventuell auf, dass irgendetwas nicht stimmt, und dass ich damit kämpfe.
Also nochmal, neuer Versuch.
Ich bin Künstler.
Schon besser. Ich bin Künstler. Aber das kommt mir echt schwer über die Lippen. Und was damals auf dem Weinberg in Kassel wirklich passierte, war dieses: Ich blickte sehr, sehr neidisch auf diese Frau, die da einfach so über sich und über ihre Kunst redete, und lachte ein verbittertes kleines Lachen.
Denn als sie da so davon erzählte, was für ein starkes Gefühl ist, wenn die Kunst zu einem redet, da malte ich mir aus, was passieren würde, würde ich Ähnliches bei mir zuhause im Dorf von mir geben.

Die meisten würden mich einfach nur verwundert anschauen und später untereinander tuscheln: „Hä? Was will er sein? Künstler?; – Joa; – Und von was will er dann leben? Sicher von der Stütze; – Joa.“
Und bei vielen meiner Freunden, Kollegen und Bekannten sieht es so ähnlich aus. Dieser Stephan existiert für sie einfach nicht.
Ich habe es mein Leben lang vermieden, mich als Künstler zu bezeichnen; erst, weil es mir nicht klar war dass ich einer bin, und später dann, weil mein Umfeld mich so einfach nicht kennt. Ich bin freiwilliger Tierpfleger, Softwareentwickler, Hobbyfotograf… aber das, was ich aus meinem Innersten nach außen trage, das war schon immer die Musik.
Das wurde mir in diesem Moment auf dem Weinberg klar. Und als die Künstlerin dann Applaus bekam und sich angeregt mit den Umstehenden unterhielt, da spürte ich, wie sehr mir irgendeine Art von Austausch fehlt, und dass ich einen neuen Weg finden musste, mit meinem Sein als Künstler umzugehen.

Als wir zwei Tage später die Folgen der Flut im Wesertal sahen, war mir noch nicht bewusst, wie sehr die Flut schließlich das ganze Album prägen würde (meine Stimmtherapeutin Katja und ich scherzten einmal, man hätte das Album eigentlich „Floodland“ nennen müssen – aber vermutlich hätte da ein gewisser Herr Eldritch etwas dagegen gehabt).
Inzwischen weiß ich, die Flut, das ist so viel mehr als nur Wasser.
Die Flut, das sind Eltern, die ihre Kinder 50 Meter weit mit dem SUV zum Kindergarten bringen. Verlorene Menschen, die stolz darauf sind, dumm zu sein. Software, die einsame Jugendliche dazu ermutigt, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Die Flut, das sind schlechte Nachrichten, Empörung, Zynismus, Manipulation, und das ständige Gefühl, dass alles immer noch ein bisschen schlimmer wird. Die Flut, das sind Spotify, TikTok und Youtube. Algorithmen, die bestimmen, was sichtbar ist und was nicht. Kultur, die neuerdings „Content“ genannt wird und nur dann einen Wert hat, wenn sie sich monetarisieren lässt.
Aber dann ist da dieser wunderbare Moment, wenn die Kunst mit Dir redet, durch die Stille, und wenn Dir die Flut nichts anhaben kann.
Ich kann meinen Freunden, Kollegen und Bekannten keinen Vorwurf machen, dass sie sich nicht für meine Musik interessieren. Dann ist es eben so.
Aber ich kann mir einen Vorwurf machen, wenn ich mich deshalb klein mache, verstecke und verleugne und elend damit fühle – denn das ist genau die Art von Kapitulation, die die Flut von mir haben möchte.
Nun – nicht mit mir, liebe Flut.
Ich bin Künstler. Komm‘ klar damit.
Nachwort
Am Abend des 7. März 2026 verließ uns unsere geliebte Hündin Buba für immer.
Sie musste nicht leiden, doch ihr Ende kam für uns sehr überraschend und es fällt uns noch immer sehr schwer, mit dieser neuen Realität klar zu kommen.
Buba war 14 Jahre lang unsere treue Gefährtin.

Sie war bei uns, als es Botany Bay noch gab, und sie war da, als ich Schall und Stille ins Leben rief. Sie war da, als meine Mutter starb, sie war da, als Katjas Mutter starb. Mit ihr zusammen entdeckten wir den Reinhardswald und das Wesertal. Zusammen ließen wir Candor K. in unser Leben und Buba war ihm die beste Rudelschwester, die man sich vorstellen konnte. Und sie tröstete uns, nachdem Candor von uns gegangen war.
Und natürlich war sie dabei, als „Trendula“, „Niar“ und „The Artist In The Vineyard“ entstanden.
Sie war immer bei uns, durch alle Höhen und durch alle Tiefen.
Nur wer selbst jemals einen Hund seinen Freund nennen konnte, kann sich unsere Trauer vorstellen, die nicht weniger tief empfunden und schmerzhaft ist, als wäre ein geliebter Mensch von uns gegangen.

Nur kurze Zeit nach Bubas Tod erreichte uns die Nachricht, dass es im Hundehaus am Reinhardswald einen Schwelbrand gegeben hatte.
Der Brand hatte das Haus unbewohnbar gemacht und so schwer beschädigt, dass es vermutlich nicht mehr zu retten ist.
Zusammen mit Buba und dem Hundehaus endet also auch unsere Zeit am Fuße des Reinhardswaldes – all die Abenteuer, die wir dort erlebten, und die Musik, die dort entstand.
Als ich mit Buba für die Aufnahmen im Hundehaus war, aus denen schließlich die drei Songs auf „Strategies…“ hervorgehen sollten, da nahm ich noch insgesamt neun andere Demos auf, die es nicht auf das Album schafften.
Eines davon, „Black And White“, sollte ein Lied über Buba werden. Die Musik dazu entstand im Hundehaus, doch ein Text dazu wollte mir nicht einfallen; als dann „Strategies“ schließlich konkrete Formen annahm, da war klar, dass ein Lied über meinen Hund thematisch nicht unbedingt auf das Album passen würde, und so geriet die Idee auf das Abstellgleis.
Nach Bubas Tod kam ich sehr schnell auf einen passenden Text, und nahm das Lied zu Ende auf.
Hier ist es.

Das Solo-Instrument ganz am Schluss ist eine Kantele. Dabei handelt es sich um ein finnisches Musikinstrument, das zum Inventar der Hütte gehörte. Sie ist auch in der Coda von „The Artist In The Vineyard“ zu hören, und auch sie gibt es nun nicht mehr.
Aus meiner heutigen Sicht ist es vollkommener Blödsinn, dass ein Lied über Buba nicht auf das Album gepasst hätte. Es hätte sehr gut gepasst und sie hätte es verdient gehabt.
Und deshalb möchte ich ihr nun nachträglich nicht nur diesen einen, letzten Track widmen, sondern das ganze Album. Sie war immer dabei, vom Anfang bis zum Ende.
Danke Buba, für unsere schöne Zeit zusammen.
Ich werde Dich nie vergessen.


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