Trendula, die sadistische, unerbittliche Riesin.
Trendula, die die Menschen zum Spaß quälte, und die sogar ihre eigene Schwester erwürgte.
Trendula, die schließlich in einem gewaltigen Unwetter vom Blitz erschlagen wurde, weil der liebe Gott nicht länger zusehen konnte.
So oder ähnlich – je nachdem, wen man fragt – wird im Wesertal die Sage von den drei Riesengeschwistern Trendula, Brama und Saba erzählt.
Ob an dieser Sage irgendein wahrer Kern ist, oder ob sie nur von den frommen Waldensern erfunden wurde, um ihre Kinder noch gottesfürchtiger zu machen – ich weiss es nicht.

Auf jeden Fall war ebendieses Wesertal der Ort, an dem ich mich im Sommer 2024 für zwei Wochen aufhielt, um neue Inspiration zu sammeln und ein paar neue Demos aufzunehmen.
Freunde von uns besitzen dort am Fuße des Reinhardswaldes in Gottstreu ein kleines Holzhaus (das “Hundehaus am Reinhardswald”), das sie gerne an liebe Leute mit Hunden vermieten – und so machte ich mich Ende Juli 2024 zusammen mit der weltbesten Coproduzenten-Hündin Buba und einem minimalen Setup an Synthesizern auf den Weg ins schöne Gottstreu an der Weser.
Ich blicke sehr gerne auf diese zwei Wochen zurück, denn es war nicht nur eine schöne Zeit mit Buba (die wir im März 2026 sehr überraschend gehen lassen mussten, und die mir entsetzlich fehlt), sondern es war auch eine immens kreative und inspirierende Zeit. Ich nahm im Wesertal ganze 12 neue Demos auf, von denen insgesamt drei (“Trendula”, “Niar” und “The Artist In The Vineyard”) in mal mehr und mal weniger ausgearbeiteter Form ihren Weg auf “Strategies Against Algorithms” fanden.
Ich plane meine Musik selten. Meistens setze ich mich an meine Instrumente und schaue einfach mal, was passiert; was meine Musik mir sagt. Andere Umgebungen und andere Eindrücke beeinflussen, was sie mir sagt, und auch dieses Mal sollte es auch so sein – sehr deutlich sogar, in einer Art und Weise, die ich nicht vorausgesehen hätte, und die schließlich dieses Album und meine Reise damit ganz entscheidend prägen würden.
Doch der Reihe nach.
Am Tag meiner Ankunft im Wesertal war das Wetter schon sehr speziell gewesen. Fürchterlich drückend, feucht und gleichzeitig heiß. Doch regnen wollte es nicht wirklich, die ganze Woche nicht.
Ich richtete mich zusammen mit Buba häuslich ein, baute mir in Bubas Schlafzimmer (der Raum, wo ihre Lieblings-Couch stand) mein Mini-Studio auf und beschloss zunächst, ein bisschen rauszugehen.

Ich fragte Buba, ob sie mitkommen wollte, doch Buba war damals schon ein eher gemütlicher alter Hund geworden, und sie war mit ihrem Sofa perfekt zufrieden. Also machte ich mich allein auf den Weg, um ein bisschen die Umgebung zu erforschen – vorzugsweise an Plätzen, die wir in unseren zahlreichen Besuchen die letzten Jahre über noch nicht aufgesucht hatten.
Dieses Ansinnen führte mich schließlich zum “großen Wolkenbruch” – einem durch Erdstürze enstandenen, mit Wasser gefülltem Erdtrichter – und eben jener Ort, an dem Trendula der Sage nach vom Blitz erschlagen wurde.
Es war wie schon erwähnt heiß. Fürchterlich heiß, und drückend. So heiß und drückend dass ich vollkommen durchgeschwitzt war, als ich wieder im Hundehaus ankam.
Ich knipste mein Equipment an, spielte ein bisschen mit Drumcomputer und Synthesizern herum, und heraus kam ganz schnell das grundsätzliche Rhythmus-Pattern von “Trendula”, und die Synth-Figur am Anfang (die, wie Andrea entdeckte, volle Kanne bei “Malers Hüs” geklaut war), und nahm ein bisschen provisorische Demo-Vocals auf.

Unter dem Eindruck der unerbittlichen Schwüle, der allgemeinen weltpolitischen Lage und der Tatsache, dass ich richtig froh war, von zuhause weg zu sein, wo die Vergaserjugend gerade mal wieder unerbittlich ihre Zwiebacksägen kreischen und ihre Sportauspuffe prusten ließ (näheres dazu im “Motor Song”), und unter dem Eindruck der Trendula-Sage reimte ich mir grobe Platzhalter-Lyrics zusammen, die größtenteils nur aus “Take it away, take it away” bestanden. Noch war ich mir nicht sicher, wo der Song hingehen würde, doch die nächsten zwei Wochen würden es zeigen.
Die Tage zogen ins Land und ich nahm weitere Demos auf, ging mit meiner Pen-F auf Erkundungstour, schrieb hier und da ein bisschen meine Gedanken auf und hatte eine schöne Zeit mit Buba.
In dieser Zeit sah es immer wieder danach aus, als würde bald das ganz ganz große Gewitter stattfinden, doch die Wolken blieben am Himmel, es grummelte und rumorte über uns und ein paar Tropfen fielen, und dabei blieb es, und am Tag darauf war es noch heißer und noch feuchter als zuvor.

Nach einer Woche kam schließlich auch Frau K. nach Gottstreu.
Sie hatte nur eine Woche Urlaub, ich dagegen zwei – deshalb hatte ich die ersten Tage allein mit Buba verbracht. Nun wurden aus den stillen, kontemplativen Tagen plötzlich gemeinsame Tage voller Musik, langer Spaziergänge und schönen Gesprächen. Ich arbeitete weiter an neuen Demos, wir streiften durch die Gegend, und über allem hing weiterhin diese eigentümliche Wetterlage: Immer wieder türmten sich dunkle Wolken am Himmel auf, immer wieder schien das große Gewitter unmittelbar bevorzustehen – doch außer ein wenig Grummeln und ein paar Tropfen passierte nichts. Stattdessen wurde die Luft von Tag zu Tag noch schwerer, noch feuchter und und noch unerträglicher.

Am Abend des 1. August war die Luft schließlich so schwer geworden, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Also saß ich mit Buba in meinem kleinen Zimmerchen, ließ den winzigen, billigen, grünen und dabei vollkommen bezaubernden Behringer RD-6 vor sich hinrumpeln und arbeitete weiter an „Trendula“. Das wummernde Drum-Solo in der Mitte des Stücks entstand genau in dieser Nacht.
Ich drehte den RD-6 dabei ordentlich in die Verzerrung – eine Einstellung, über die SynthTuber und andere selbsternannte Experten gerne behaupten, sie klinge furchtbar und sei völlig unbrauchbar. Mich hingegen machte genau dieser kaputte, übersteuerte Sound vollkommen glücklich. Vielleicht habe ich ja keinen Geschmack… oder den Leuten fehlt es ein wenig an Fantasie.

Und dann, später an diesem Abend, geschah plötzlich das, worauf die ganze Landschaft seit Tagen gewartet hatte: Draußen begann es zu regnen.
Erst ein paar vereinzelte Tropfen, dann ein veritabler Schauer, schließlich prasselte das Wasser wie aus Eimern vom Himmel. Frau K. und ich liefen hinaus, rissen uns frohlockend die Kleider vom Leib und tanzten barfuß um das Haus, während die Hitze endlich von uns abfiel und die ganze Welt nach nasser Erde roch.
Es regnete weiter und weiter, die ganze Nacht hindurch, und zum ersten Mal seit Tagen schliefen wir ruhig und tief und nicht wie Sardinen im eigenen Saft.
Als wir am nächsten Morgen aufwachten, da war uns sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmen konnte, denn es war ganz wunderbar ruhig und nur das lebendige Zwitschern der Vögel war zu hören.
Normalerweise ist das nicht der Fall, denn zwar ist es im Hundehaus am Reinhardswald wirklich wunderschön, doch einen gehörigen Nachteil hat die Location: Sie liegt in unmittelbarer Nähe der B80. Und die B80 ist in den Sommermonaten an Feiertagen, Wochenenden sowie generell nach Feierabend ein außerordentlich beliebter Platz für jene Art von Zeitgenossen, deren größtes Glück es ist, möglichst viele ihrer Mitmenschen am Lärm ihrer Kraftfahrzeuge teilhaben zu lassen, weil, äh, moment… blätter… ah ja, genau, weil: Freiheit. Oder, kürzer ausgedrückt: Die B80 ist ein Brennpunkt für wilde und ungebremste Petromaskulinität (ja, es gibt tatsächlich ein Wort dafür, und es wird uns auf diesem Album noch öfter begegnen).
Doch nicht so an diesem Morgen. Es war nahezu gespenstisch still.

Es dauerte nicht lange, bis wir herausfanden, was los war. Die Nachbarn standen auf der Straße und diskutierten aufgeregt. Der Regen war mehr und stärker gewesen als wir in Gottstreu mitbekommen hatten. In den anliegenden Dörfern hatte es Überflutungen gegeben, Autos wurden ineinander gespült, Straßen wurden unterspült und unpassierbar gemacht, das Wasser stand in den Kellern.
Es wurden uns Bilder aus Gottsbüren und Gieselwerder gezeigt – zerstörte Plätze, zerstörte Straßen, und ein Notfalllager an dem Marktplatz, an dem wir gestern noch gemütlich bummelnd eingekauft hatten. Bilder, die auf unheimliche Art und Weise die Ahrtal-Flut von 2021 heraufbeschworen. Und schließlich rief Frank, unser Vermieter, bei uns an, und erkundigte sich voller Sorge, ob es uns gut ginge und ob wir die Nacht ohne Schaden überstanden hatten.

Einigermaßen schockiert von den Neuigkeiten machten wir uns zusammen mit Buba auf die Morgen-Gassi-Runde, die uns über die B80 und einige Felder zur Weser führen würde, und richtig: Auf der Fahrbahn war eine Absperrung aufgestellt und ein Schild, das den geneigten Verkehrsteilnehmer darüber unterrichtete, dass es hier wegen Überflutung nicht weiter ging.
An der Absperrung standen zwei Motorradfahrer, ein Mann und eine Frau, und waren sowohl verwirrt als auch verärgert. “Was soll das? Warum kann man hier denn nicht durchfahren?” wollte der Mann wissen.
“Weil wir ein Unwetter hatten und Gieselwerder überflutet wurde…”, begann ich zu erklären zu versuchen.
“Ja aber das ist doch Scheiße, wir sind extra von Dortmund angereist um hier die Strecke zu fahren, machen wir jedes Jahr, die können die doch nicht einfach sperren! Das ist doch eine Unverschämtheit!”

Ich atmete tief durch und versuchte ruhig zu bleiben. Denn in diesem Moment wurde mir klar, dass ich es gerade mit zwei Menschen zu tun hatte, die sich ganz ernsthaft darüber beschwerten, dass sie heute nicht in gewohntem Maße dazu kommen würden, CO2 in die Atmosphäre zu blasen, weil Mutter Natur gerade einen wirklich nur ganz kleinen und harmlosen Vorgeschmack davon präsentiert hatte, wie das Klima in 100 Jahren aussehen wird, wenn weiter CO2 in die Atmosphäre geblasen wird.
“Doch, können die. Es gibt keine Strecke, das Wasser hat die Straße weggespült”, antwortete ich nach einer kurzen Pause des Sammelns und der Reflektion.
Das machte dann schließlich doch Eindruck auf ihn.
“Was?” fragte er baff.
“Straße. Weggespült”, wiederholte ich.
“So schlimm doch?” fragte er.
Ich nickte.
Kopfschüttelnd liefen sie schließlich von dannen, schwangen sich auf ihre Maschinen und brausten in Richtung Hannoversch Münden davon.
In einer Art und Weise, die vernunftbegabten Menschen Schauer über den Rücken jagt, wiederholte sich in den umliegenden Dörfern schon bald das, was im Ahrtal schon 2021 passiert war: Die wenigsten Menschen wollen das Wort “Klimawandel” hören. Stattdessen wurde der wahre Schuldige schon sehr schnell gefunden: Die Grünen.

Ursprung des Unglücks war nämlich nicht etwa die empirisch belegte Tatsache, dass in der Nacht zum 2.8.2024 ein durch den Klimawandel begünstigtes Extremwetterereignis stattgefunden hatte, bei dem in jener Nacht mit 169,8 Liter pro Quadratmeter mehr Niederschlag über dem Westeral niedergegangen war als jemals an irgend einem anderen Tag seit Beginn der Messungen… sondern es waren die Windräder.
Hierzu muss man wissen, dass die Windräder im Reinhardswald ein trauriges Politikum sind: Schon seit Jahren machen Gruppierungen Stimmung gegen die sauberen Energieerzeuger, weil diese das Landschaftsbild zerstören. Für diese Gruppierungen war die Flutkatastrophe ein sprichwörtliches Geschenk des Himmels, denn, ganz klar: Die Windräder sind schuld!
Die Bautrassen, die zu ihrer Errichtung angelegt worden waren, so das Narrativ, transportierten den ganzen Starkregen nach unten.
Ich will an dieser Stelle gar nicht anzweifeln, dass die Bautrassen auch einen Anteil an der Katastrophe hatten… aber eben nicht nur. Keine Art von Boden hätte diese unglaublichen Massen an Wasser abfedern können, und schon gar nicht die durch die Trockenheit der letzten Jahre vollkommen ausgedrocknete Erde im Reinhardswald.
Doch viele Menschen im Wesertal nahmen das Narrativ der Windräder als Grund für die Überschwemmungen nur allzu gerne an, denn das bedeutete, man sich nicht umgewöhnen musste, und dass nicht etwa CO2-Ausstoß, fossile Brennstoffe und dem Schorsch sein geiler neuer Porsche Scheijänne einen Anteil am Unglück hatten, sondern linksgrünversiffte Gutmenschen, die den Leuten hässliche Windräder in ihren schönen Wald stellen. Fuck you Greta, Habeck go home, etc. pp.
Die Flut sollte schließlich ein durchgehendes Thema auf “Strategies Against Algorithms” werden. Sowohl die ganz konkrete Flut, die durch das Ahrtal und durch Gieselwerder und Gottsbüren getobt war, als die figurative Flut aus “flood the zone with shit”, jenem sehr effektiven Kniff, den Populisten verwenden, um den öffentlichen Diskurs zu zersetzen, indem der Raum mit so vielen Behauptungen, Halbwahrheiten, Empörungen und Ablenkungen überfüllt wird, dass irgendwann niemand mehr weiß, was noch wahr ist.

Wieder zuhause angekommen, entwickelte sich „Trendula“ in meinem Heimstudio Stück für Stück weiter. Ich griff zum guten alten roten Fenix-Bass, den mein guter alter Freund Martin seit 20 Jahren bei mir lagert, ergänzte ein paar melodische Elemente auf dem Waldorf M und legte schließlich noch einige schaurige Streicher aus dem Kurzweil darüber. Der Song wurde dabei zunehmend dichter und dunkler; ich bin sehr zufrieden, dass sich (zumindest für mich) die Schwüle, das Gewitter und die seltsame Stimmung des Wesertals im Sound widerspiegelt.
Auch der Text begann langsam Form anzunehmen. Die ursprünglichen Platzhalterzeilen bestanden zunächst aus “everything, everything, take it away, take it away” – doch nach und nach sammelten sich darin nun weitere Eindrücke aus diesen zwei Wochen ebenso wie Gedanken über das, was damals gesellschaftlich und politisch um uns herum geschah (und sich heute ungebremst fortführt). “Every vote that Elon bought / Every truth you never sought /Every profit soaked in blood / every village drowned in flood”
Und im Refrain immer wieder „Take it away, take it away“ – durch den Vocoder meiner Wavestation A/D gejagt und so weit verfremdet, als würde diese Beschwörung selbst gerade mit einer Flut kämpfen.
Mit dem Rest des Textes nahm diese zentrale Textzeile schließlich eine doppelte Bedeutung an: Einerseits mein tief empfundener und erschöpfter Wunsch, dass dieser ganze Wahnsinn endlich aufhören möge. Andererseits die Warnung der Trendula-Sage, dass Dinge, die lange außer Kontrolle laufen, irgendwann nicht freiwillig enden, sondern dass ihnen von einer höheren Macht ein Ende gesetzt wird. Und diese höhere Macht hat uns nun schon ein paar mal gezeigt, dass sie allmählich die Nase voll hat von uns und unserer Unfähigkeit, im Einklang mit unserer Umwelt zu leben.
Mutter Natur braucht uns nicht.
Und so schließt sich der Kreis, denn wir und die Art des gesellschaftlichen Diskurs, bei der wir inzwischen angekommen sind, sind die ausser Kontrolle geratene Riesin – und auch wenn ich noch ein mikroskopisch kleines Stück Rest-Hoffnung behalte, dass es vielleicht nicht so weit kommt, so ist der “große Wolkenbruch” wohl leider unumgänglich.
Und wir werden ihn verdient haben.

