Autor: Stephan

  • Track 10: The Artist In The Vineyard

    Track 10: The Artist In The Vineyard

    Zwei Tage, bevor ein Starkregenereignis Gottsbüren und Gieselwerder verwüsten würde, besuchten Frau K. und ich zusammen mit unseren lieben Verwandten eine Ausstellung in Kassel – genauer gesagt, die „Lichtwege“, die seit einigen Jahren an den Weinbergterrassen mitten in Kassel stattfinden.

    Der „Weinberg“ ist eine ziemlich außergewöhnliche Location. Es handelt sich um Kalksteinfelsen, die mitten in der Stadt in die Höhe ragen. Im 19. Jahrhundert trieben Kasseler Bauern Stollen in die Felsen, um ihn für die Einlagerung von Eis nutzbar zu machen.

    Dieses Eis wurde in den Wintermonaten in der Fulda geschlagen, um es dann im Sommer für die Kühlung von Bier verwenden zu können. Später wurden die in den Felsen getriebenen Stollen auch für die Einlagerung von Wein verwendet, hauptsäclhich daher die zweckentfremdete Bezeichnung „Weinberg“.

    Die Industriellen-Familie Henschel ließ auf dem Weinberg eine protzige Villa bauen, Teile davon wurden allerdings 1931 schon wieder abgerissen, weil man sich den Unterhalt nicht mehr leisten konnte – ehe man mit Waffenlieferungen an die Nazis schwer reich wurde. Doch auch das war nur von kurzer Dauer, und den Rest besorgten dann die Alliierten dann beim großen Angriff auf Kassel am 22. Oktober 1943.

    Heute ist der Weinberg Heimat von Museen, Gedenkstätten… und eben den jährlich stattfindenden „Lichtwegen“.

    Im Sommer 2024 waren wir also auch dort, und ebenfalls anwesend waren die Künstler, die auf den „Lichtwegen“ ihre Arbeiten ausstellten, und mit denen man sich über ihre Kunst unterhalten konnten.

    Seitdem wir aus Rhöndorf weggezogen waren, sah es um unsere Versorgung mit kulturellen Veranstaltungen eher mau aus. Deshalb nahmen wir diese Gelegenheit gerne wahr und tauchten ein in die aufregende, bunte Welt der Formen und Klänge auf den „Lichtwegen“ – eine Veranstaltung, die uns unendlich weit entfernt erschien von den Störfällen, mit denen wir uns zuhause im Dorf herumzuschlagen hatten.

    Doch je länger ich über die Weinbergterrassen wandelte und je mehr Kunst ich betrachtete und die Geschichten dahinter erfuhr, desto ruhiger und nachdenklicher wurde ich – und erst war mir gar nicht klar, warum.

    Schließlich kam ich zu einer Art Lichtinstallation mit Sound, und die dafür verantwortliche Künstlerin redete gerade mit ihrem Publikum darüber, wie es sich für sie anfühle, Künstlerin zu sein. Wie sie es erlebte, wenn ihre Kunst zu ihr spreche.

    Und in diesem Moment musste ich tatsächlich lachen.

    Nicht, weil mir das so lächerlich erschien. Ich kenne diese Momente sehr gut, wenn das, was ich erschaffe, ein Eigenleben entwickelt und mit mir kommuniziert. Wenn aus ein paar dahin geworfenen Tönen und Akkorden viel mehr wird, wenn ich plötzlich etwas Neues darin höre, und wenn ich das Gefühl habe, meine Musik möchte mir etwas sagen.

    Ich verstand die Frau also tatsächlich sehr gut. Das war auch das Problem. Das hier war meine Welt, und doch war sie es nicht.

    Ich sehe mich als Künstler

    Aber schon an der Art und Weise, wie ich das schreibe, fällt dem geneigten Leser eventuell auf, dass irgendetwas nicht stimmt, und dass ich damit kämpfe.

    Also nochmal, neuer Versuch.

    Ich bin Künstler.

    Schon besser. Ich bin Künstler. Aber das kommt mir echt schwer über die Lippen. Und was damals auf dem Weinberg in Kassel wirklich passierte, war dieses: Ich blickte sehr, sehr neidisch auf diese Frau, die da einfach so über sich und über ihre Kunst redete, und lachte ein verbittertes kleines Lachen.

    Denn als sie da so davon erzählte, was für ein starkes Gefühl ist, wenn die Kunst zu einem redet, da malte ich mir aus, was passieren würde, würde ich Ähnliches bei mir zuhause im Dorf von mir geben.

    Die meisten würden mich einfach nur verwundert anschauen und später untereinander tuscheln: „Hä? Was will er sein? Künstler?; – Joa; – Und von was will er dann leben? Sicher von der Stütze; – Joa.“

    Und bei vielen meiner Freunden, Kollegen und Bekannten sieht es so ähnlich aus. Dieser Stephan existiert für sie einfach nicht.

    Ich habe es mein Leben lang vermieden, mich als Künstler zu bezeichnen; erst, weil es mir nicht klar war dass ich einer bin, und später dann, weil mein Umfeld mich so einfach nicht kennt. Ich bin freiwilliger Tierpfleger, Softwareentwickler, Hobbyfotograf… aber das, was ich aus meinem Innersten nach außen trage, das war schon immer die Musik.

    Das wurde mir in diesem Moment auf dem Weinberg klar. Und als die Künstlerin dann Applaus bekam und sich angeregt mit den Umstehenden unterhielt, da spürte ich, wie sehr mir irgendeine Art von Austausch fehlt, und dass ich einen neuen Weg finden musste, mit meinem Sein als Künstler umzugehen.

    Als wir zwei Tage später die Folgen der Flut im Wesertal sahen, war mir noch nicht bewusst, wie sehr die Flut schließlich das ganze Album prägen würde (meine Stimmtherapeutin Katja und ich scherzten einmal, man hätte das Album eigentlich „Floodland“ nennen müssen – aber vermutlich hätte da ein gewisser Herr Eldritch etwas dagegen gehabt).

    Inzwischen weiß ich, die Flut, das ist so viel mehr als nur Wasser.

    Die Flut, das sind Eltern, die ihre Kinder 50 Meter weit mit dem SUV zum Kindergarten bringen. Verlorene Menschen, die stolz darauf sind, dumm zu sein. Software, die einsame Jugendliche dazu ermutigt, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Die Flut, das sind schlechte Nachrichten, Empörung, Zynismus, Manipulation, und das ständige Gefühl, dass alles immer noch ein bisschen schlimmer wird. Die Flut, das sind Spotify, TikTok und Youtube. Algorithmen, die bestimmen, was sichtbar ist und was nicht. Kultur, die neuerdings „Content“ genannt wird und nur dann einen Wert hat, wenn sie sich monetarisieren lässt.

    Aber dann ist da dieser wunderbare Moment, wenn die Kunst mit Dir redet, durch die Stille, und wenn Dir die Flut nichts anhaben kann.

    Ich kann meinen Freunden, Kollegen und Bekannten keinen Vorwurf machen, dass sie sich nicht für meine Musik interessieren. Dann ist es eben so.

    Aber ich kann mir einen Vorwurf machen, wenn ich mich deshalb klein mache, verstecke und verleugne und elend damit fühle – denn das ist genau die Art von Kapitulation, die die Flut von mir haben möchte.

    Nun – nicht mit mir, liebe Flut.

    Ich bin Künstler. Komm‘ klar damit.


    Nachwort

    Am Abend des 7. März 2026 verließ uns unsere geliebte Hündin Buba für immer.

    Sie musste nicht leiden, doch ihr Ende kam für uns sehr überraschend und es fällt uns noch immer sehr schwer, mit dieser neuen Realität klar zu kommen.

    Buba war 14 Jahre lang unsere treue Gefährtin.

    2015

    Sie war bei uns, als es Botany Bay noch gab, und sie war da, als ich Schall und Stille ins Leben rief. Sie war da, als meine Mutter starb, sie war da, als Katjas Mutter starb. Mit ihr zusammen entdeckten wir den Reinhardswald und das Wesertal. Zusammen ließen wir Candor K. in unser Leben und Buba war ihm die beste Rudelschwester, die man sich vorstellen konnte. Und sie tröstete uns, nachdem Candor von uns gegangen war.

    Und natürlich war sie dabei, als „Trendula“, „Niar“ und „The Artist In The Vineyard“ entstanden.

    Sie war immer bei uns, durch alle Höhen und durch alle Tiefen.

    Nur wer selbst jemals einen Hund seinen Freund nennen konnte, kann sich unsere Trauer vorstellen, die nicht weniger tief empfunden und schmerzhaft ist, als wäre ein geliebter Mensch von uns gegangen.

    2026

    Nur kurze Zeit nach Bubas Tod erreichte uns die Nachricht, dass es im Hundehaus am Reinhardswald einen Schwelbrand gegeben hatte.

    Der Brand hatte das Haus unbewohnbar gemacht und so schwer beschädigt, dass es vermutlich nicht mehr zu retten ist.

    Zusammen mit Buba und dem Hundehaus endet also auch unsere Zeit am Fuße des Reinhardswaldes – all die Abenteuer, die wir dort erlebten, und die Musik, die dort entstand.

    Als ich mit Buba für die Aufnahmen im Hundehaus war, aus denen schließlich die drei Songs auf „Strategies…“ hervorgehen sollten, da nahm ich noch insgesamt neun andere Demos auf, die es nicht auf das Album schafften.

    Eines davon, „Black And White“, sollte ein Lied über Buba werden. Die Musik dazu entstand im Hundehaus, doch ein Text dazu wollte mir nicht einfallen; als dann „Strategies“ schließlich konkrete Formen annahm, da war klar, dass ein Lied über meinen Hund thematisch nicht unbedingt auf das Album passen würde, und so geriet die Idee auf das Abstellgleis.

    Nach Bubas Tod kam ich sehr schnell auf einen passenden Text, und nahm das Lied zu Ende auf.

    Hier ist es.

    „Black And White“ – der 11. Track und das eigentliche Ende von „Strategies Against Algorithms“

    Das Solo-Instrument ganz am Schluss ist eine Kantele. Dabei handelt es sich um ein finnisches Musikinstrument, das zum Inventar der Hütte gehörte. Sie ist auch in der Coda von „The Artist In The Vineyard“ zu hören, und auch sie gibt es nun nicht mehr.

    Aus meiner heutigen Sicht ist es vollkommener Blödsinn, dass ein Lied über Buba nicht auf das Album gepasst hätte. Es hätte sehr gut gepasst und sie hätte es verdient gehabt.

    Und deshalb möchte ich ihr nun nachträglich nicht nur diesen einen, letzten Track widmen, sondern das ganze Album. Sie war immer dabei, vom Anfang bis zum Ende.

    Danke Buba, für unsere schöne Zeit zusammen.

    Ich werde Dich nie vergessen.

  • Track 9: Walk

    Track 9: Walk

    Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sehr sich der Entstehungsort auf die Musik auswirkt. Für mich klingen beispielsweise die drei Tracks, die ich im Hundehaus am Reinhardswald aufgenommen habe, vollständig anders als das, was ich zuhause gemacht habe.

    Und nochmal anders klingt „Walk“ – der einzige Track auf diesem Album, der an der Nordsee aufgenommen wurde.

    Eine liebe Freundin von mir hatte sich vor zwei Jahren dort einen alten Hof gekauft, um dort ihren Traum zu verwirklichen: Ein eigener Hof für ihre Pferde – und für andere Pferde mit Atemwegsproblemen, für die die Luft an der Nordsee wahre Wunder vollbringen kann.

    Ich war hochgefahren um mit der Technik zu helfen und ein paar Tage an der Nordseeküste zu verbringen. Ich hatte wieder ein minimales Setup an elektronischen Musikinstrumenten dabei – einen Korg Minilogue und den Behringer Pro VS Mini, der mich schon ins Hundehaus begleitet hatte.

    Eigentlich hatte ich kaum Zeit zum Schreiben neuer Musik – am Hof gab es genug Arbeit, und selbst wenn die getan war, so waren da immer noch die Pferde. Und Pferde haben ihre ganz eigene und sehr unwiderstehliche Art und Weise, mich abzulenken. Ich meine, Musik machen kann ich auch zuhause, aber mit einem Pferd hinter dem Deich entlang spazieren und dabei zusammen den Unterhaltungen der Möwen und Austernfischern zu lauschen, das ging nur hier.

    Doch zwei Songs entstanden dennoch.

    Einer davon – der erste, den ich schrieb – war ein ziemlich heftiges Electroclash-Demo mit dem Titel „A Good Day“. Es ging um Revolution, und darum, dass wir ganz dringend eine brauchen. Dass es Zeit wird, sich aktiv zu wehren gegen die entsetzliche, überall um sich greifende abgrundtiefe Doofheit auf dieser Welt. Es war mehr oder weniger ein Aufruf zum Widerstand, und ich ließ offen, ob er mit Gewalt vonstatten gehen sollte oder nicht, weil ich mir da ganz ehrlich gesagt nicht mehr vollständig sicher bin.

    Es sei ein guter Tag, den Palast zu stürmen und die Tyrannen durch die Stadt zu jagen, und so weiter…

    Am nächsten Tag wurde dann Charlie Kirk ermordet, und obwohl Charlie Kirk ein durch und durch verachtenswerter Mensch war und die Welt durch seinen Verlust garantiert nicht ärmer ist, wurde mir klar, dass ich das nicht bringen kann.

    Ich ließ es also bleiben mit der Musik und kümmerte mich lieber um den Hof und die Pferde.

    Dann aber, an einem der nächsten Tage, unternahm ich eine Wanderung.

    Bevor ich erzähle, warum diese Wanderung so besonders war, muss ich etwas ausholen. Und zwar muss man über die Wurster Nordseeküste wissen, dass man da weder an die Nordsee noch an die Küste besonders gut rankommt. Das meiste vom unmittelbaren Küstengebiet sind Ausgleichsflächen für den Hafenbau (also Flächen, die dem Naturschutz gewidmet wurden, damit woanders kräftig die Natur kaputt gemacht werden kann), die nicht betreten werden dürfen und von Kühen bewohnt wird.

    Es gibt in der Nähe vom Hof nur einen Zugang zum Meer, und der ist – wie sollte es in Deutschland anders sein – gesäumt von Pommes- und Fischbrötchenbude, Campingplatz, Campingplatz nur für Camper mit Wohnwagen einer bestimmten Marke, Campingplatz nur für Camper die sich ausziehen wollen, Spielplatz, noch ein Spielplatz, gebührenfreier Parkplatz, gebührenpflichtiger Parkplatz, Touri-Nepp-Strandbar, Touri-Informations-Container, Toiletten, Duschen, und, nicht zu vergessen: eine Kasse an der überprüft wird, ob mensch auch die Kurtaxe bezahlt hat.

    Und er ist voll mit Menschen, die zum Meer wollen, die all so ein Blödsinn nicht abschreckt, und die mit SUVs, Wohnwagen, Wohnwagen einer bestimmten Marke, Midlife-Crisis-Kampfrädern, Zwiebacksägen sowie einem Gefolge an quängelnden Blagen anrücken, um dieses Ziel zu erreichen.

    Kurz, bis man endlich am Wasser ist, muss man derart vielen unerfreulichen Guschts* und Guschtinen ausweichen, dass auch das Meer nichts mehr retten kann.

    Doch auf meinen Erkundungstouren über den Deich hatte ich einige Tage zuvor weiter entfernt im Norden eine Stelle gesehen, die sehr vielversprechend nach Zugang zum Meer aussah, und an der all die erwähnten Zivilisationskrankheiten abwesend zu sein schienen.

    Gut, das Ganze war ziemlich weit weg, aber wenn ich’s vom Deich aus erkennen konnte, dann sollte es doch eigentlich möglich sein, es in einem kleinen, schönen Spaziergang zu erreichen, so dachte ich mir.

    Die Entfernungen hier im schönen Naturpark Rhein-Westerwald sind für mich allesamt ziemlich gut einzuschätzen. Ich hab mich dran gewöhnt, dass gewisse Orientierungspunkte, die ich gut kenne, für Entfernungen stehen, die ich gut einschätzen kann.

    Oben im Norden ist das geringfügig anders, die Dinge, die man mit dem bloßen Auge erkennen kann, sind viel weiter entfernt als es das Auge gewohnt ist. Und so lief ich und lief und lief, schien meinem Ziel aber nur sehr allmählich näher zu kommen.

    Landschaftlich passierte nicht viel – der Damm ist ein Damm, und er ist sehr, sehr lange und gleichförmig. Irgendwann war ich allein mit meinen Gedanken und lief weiter und weiter. Da war keine Pferde, die mich ablenkten und keine Arbeit am Hof. Es gab keine nervige Vergaserjugend und keinen Brotjob, den ich tun musste, um mir die Musik und die Tierpflege leisten zu können, es gab nur mich und die Situation, in der ich damals war.

    Und die Situation war die, dass ich ein ziemlich genaues Bild davon hatte, was ich nicht wollte – was mir alles auf den Nerv ging. Die überall auf der Welt um sich greifende, abgrundtiefe Doofheit zum Beispiel. Die petromaskulinen Störfälle mit ihren Schwanzverlängerungen und ihre bescheuerten Fuck-You-Greta-Aufklebern. Das Erstarken des Faschismus. Die Art und Weise, wie eine Technik, die niemand ernsthaft will oder braucht, in alle Bereiche unseres Lebens vordringt. Die Liste ist lang, und ich verachte alles darauf, mit Leidenschaft.

    Aber eigentlich will ich das nicht sein.

    Ich will nicht verachten. Ich will, dass das alles wieder aufhört. Und wenn ich noch ein Album mache, dann würde ich es gerne über das Schöne in dieser Welt machen können, und nicht über die Guschts, die sie kaputt machen.

    Tatsächlich ist dies einer meiner sehnlichsten Wünsche.

    Und ich begann, leise vor mich hinzusingen: „I’m gonna walk till I don’t feel the pain any more…

    Ich lief weiter und weiter und der Text entwickelte sich weiter und weiter. Es wurde ein sehr persönlicher Text, über die Sehnsucht danach, jene Dinge, die ich nicht mehr in meinem Leben haben will, irgendwie hinter mir lassen zu können und mich selbst wieder zu finden.

    Nach insgesamt 8 Kilometern war ich an meinem Zugang zum Meer angekommen. Und was soll ich sagen, der Marsch hatte sich gelohnt. Nicht nur, dass es hier wunderschön war und Frittenbuden & Co. durch ihre vollständige Abwesenheit zu begeistern vermochten – ich hatte auf dem Weg auch die erste Hälfte eines neuen Songs in mein Handy gesummt.

    Die zweite Hälfte folgte dann am Abend, als ich mich im „Haus Störtebeker“ – so der Name meiner Unterkunft –, todmüde und mit vom 16km Gewaltmarsch schmerzenden Gliedmaßen, an meine Instrumente setzte und ein erstes, grobes Demo aufnahm.

    Am nächsten Abend lief ich spät nachts nochmal zum Meer, dieses Mal aber keine 8 Kilometer, sondern den direkten Weg am Kutterhafen vorbei und an den nunmehr geschlossenen Frittenbuden entlang. Es war menschenleer, Ebbe, und die Wasservögel ließen ein wahres Konzert an den unterschiedlichsten Lautäußerungen hören. Ich nahm ihre Darbietungen mehr schlecht als recht mit meinem Handy auf (sie sind auf dem Song im Hintergrund an der Stelle zu hören, an der nur das Schlagzeug spielt und immer dumpfer wird, bis es schließlich ganz weg ist; und dann nochmal, zusammen mit anderen Wasservögeln, in der Coda).

    Bald waren sie überall um mich herum, das Watt war in tiefes spätabendliches Blau getaucht, und es war ein ganz beeindruckendes, ergreifendes Erlebnis. Es war mir beinahe als würden sie sagen, ich müsse nur hinhören und ich würde meinen Weg schon finden.

    Ich hoffe, es wird irgendwann so weit sein.


    *Guscht [ɡʊʃt], der; Substantiv, maskulin (stark abwertend)

    Bedeutung:
    Mensch, der durch Egoismus, Rücksichtslosigkeit und bemerkenswerten Mangel an Empathie auffällt und dessen Anwesenheit die Lebensqualität seiner Mitmenschen messbar verschlechtert.

  • Track 8: Embeddings

    Track 8: Embeddings

    „Embeddings“ ist ein Fachbegriff aus der Welt des maschinellen Lernens (also dessen, was als „Künstliche Intelligenz“ verkauft wird).

    Es handelt sich dabei um mathematische Repräsentationen von Bedeutungen, Zusammenhängen und Mustern – gewaltige Zahlenräume, in denen Wörter, Bilder, Stimmen, Songs und Ideen als Punkte abgelegt werden.

    Vereinfacht gesagt: Maschinen „verstehen“ keine Inhalte, sondern sie zerlegen sie in statistische Beziehungen. Das Wort „Trauer“ liegt dann irgendwo nahe bei „Verlust“, „Einsamkeit“ und „Abschied“, eine heftig gespielte Double Base liegt irgendwo bei drölfzigtausend brutalen Gitarrenriffs, und ein trauriger Folksong nahe bei tausenden anderen traurigen Folksongs, und das alles liegt irgendwo auch beieinander weil es in einer für uns nicht denkbaren aber von einer Maschine sehr wohl berechenbaren Dimensionalität etwas miteinander zu tun hat.

    Aus diesen Embeddings entsteht später das, was Menschen als „Generierung“ erleben, indem das System nicht etwa fertige Inhalte zusammensetzt, sondern schrittweise Wahrscheinlichkeiten innerhalb dieses Bedeutungsraums abtastet.

    Mikey Shulman ist CEO von Suno, einer Firma, die alles, was es auf der Welt an Musik gibt, abgegrast und abgespeichert und in Embeddings zerlegt hat, damit auch Leute, die mit Musik überhaupt nichts am Hut haben, behaupten können, sie hätten „einen Song gemacht“ – einfach indem sie Suno sagen: „Mach mir bitte eine traurige 80er Jahre Pop-Ballade über Einsamkeit“.

    Mikey behauptet, er tue das, um der Welt einen Gefallen zu tun, denn Musik zu machen würde gerade kaum jemandem Spaß machen. Weil es so schwierig sei.

    Und Mikey wird nicht müde zu behaupten, „Music should be more like a videogame“ – Musik sollte mehr wie ein Videospiel sein.

    Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

    Musik. Sollte. Mehr. Wie. Ein. Videospiel. Sein.

    Das Dumme ist – wir leben mittlerweile in einer Welt, in der ganzganz viele Menschen beim Lesen dieser Worte eben nicht aufstöhnen, sondern mit den Schultern zucken und sich denken „naja, stimmt doch, ich kann keine Musik. Wäre doch toll, wenn ich Musik kann.“

    Ja, stimmt, wäre toll, wenn Du Musik könntest.

    Denn dazu müsstest Du Dich hinsetzen und ein Instrument lernen. Und wenn Du das wirklich tun würdest, dann würdest Du Dich damit auf eine lange, nie endende Reise begeben. Und auf dieser Reise würdest Du jede Menge über Dich selbst lernen, und über andere Menschen, über die Welt, über Gott, und über das Göttliche in uns. Eventuell würdest Du auch etwas über Natur lernen oder über Mathematik… je nachdem welche Abzweigungen Du auf Deiner Reise nimmst.

    Das alles passiert nicht, wenn Du Suno einen kurzen Prompt gibst und das Ding dann einen Song ausspuckt, von dem Du Deinen Freunden sagen kannst: „Kuck mal, ich bin jetzt Musiker, ich habe einen Song gemacht, höhöhöhö“

    Sorry, dass Du es von mir erfahren musst, aber:

    Du bist kein Musiker.

    Du bist ein Betrüger und ein Lügner.

    Du hast keinen Song gemacht, sondern hunderttausend andere Leute (und darunter ziemlich sicher auch ich), die nie danach gefragt wurden ob das ok ist, haben einen Song für Dich gemacht.

    Und das ist noch nicht mal das Traurigste. Das Traurigste, ist dass Du Dich selbst anlügst und betrügst.

    (wer mehr darüber erfahren will, warum mich das so anfrisst, der darf an dieser Stelle gerne meinen offenen Brief an Mikey Shulman lesen)

    Zurück zu „Embeddings“, dem Song.

    „Embeddings“ basiert auf einem Traum von mir, oder einer Fieberfantasie… so genau sagen kann ich das gar nicht mehr, aber es ist eine Versinnbildlichung, wie ich als Künstler mich damit fühle, dass es Plattformen wie Suno gibt – die meine, Deine, alle Kunst und Kultur ernten, um dem Chabo von nebenan zu ermöglichen, „Musik zu machen“.

    Ich stelle mir vor, auf einem OP-Tisch zu liegen, und der Anästhesist setzt mir den Venenzugang um die Narkose einzuleiten, und ich werde aufgefordert, bis 10 zu zählen (eine Sache, die ich in den letzten Jahren ein paarmal zu oft über mich habe ergehen lassen müssen).

    Ich merke, wie ich müde werde, mich nicht mehr bewegen kann, und mich nicht mehr wehren kann.

    Und dann kommt Mr. Mikey „Musik sollte ein Videospiel sein“ Shulman und schaut in mich rein, nimmt alles aus mir raus, was mich ausmacht, damit irgendwelche Blender daraus Musik machen können.

    Ich spüre seine sanften, trockenen Hände auf mir, höre das Lachen meiner Ex-Kollegen von meiner Ex-Firma, die sich nie einen feuchten Dreck um meine Musik geschert haben, die aber zu fünft um ein Notebook herum stehen und einen Suno-Song nach dem anderen generieren lassen und das „toll“, „geil“, „fantastisch“ und „boah ist das gut“ finden, und währenddessen fühle ich, wie ich weniger und weniger werde während die Maschine das von mir ausschlachtet, was sich vermarkten lässt.

    Joa. Das ist es ungefähr, worum es in „Embeddings“ geht. Und das ist es ungefähr, was ich fühle, wenn ich mir anschaue, wie sich „KI“ auf Kunst und Kultur auswirkt.

    Und das ist einer der vielen Gründe, warum ich dieses Album als „Offline“-Album konzipiert habe.

  • Track 7: Just Like That

    Track 7: Just Like That

    „Just Like That“ ist in mehrerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von „God“

    Während ich auf „God“ sehr ironisch unterwegs bin und wirklich überhaupt nichts von dem was ich singe auch wirklich so meine, kommt auf „Just Like That“ alles ganz wahrhaftig aus tiefstem Herzen.

    Und während ich bei „God“ mit einem ziemlich heftigen Arsenal an Instrumenten auffahre (außer jeder Menge analogen und digitalen Synthesizern auch noch eine Ocarina und eine Melodica, sowie das Singen des Schelfeises), ist „Just Like That“ einfach nur Klavier und ich.

    Beinahe hätte der Track es nicht auf das Album geschafft, weil ich mir sehr unsicher war, ob eine Klavierballade wirklich auf eine hauptsächlich elektronische Produktion passt… und ob meine Stimme das hinkriegt. Ich bin aber zufrieden, wie es geworden ist.

    Muss ich an dieser Stelle wirklich erzählen, worum es geht?

    Vermutilch müsste ich das, sonst wären es keine Liner Notes. Aber ich lasse es trotzdem bleiben, denn ich weiß, dass meine Hörer intelligent genug sind, einen Sinn für sich selbst in diesem Lied zu finden.

    Ich will nur eine Sache an dieser Stelle sagen: Passt auf das auf, was euch wertvoll ist. Es ist so vieles zerbrechlich auf diesem Planeten – vieles können wir nicht mehr retten, für einige Dinge ist es noch nicht zu spät, und wieder andere Dinge, nun – die habt allein ihr selbst in der Hand, jeden Tag.

  • Track 6: God (Everything Is Alright)

    Track 6: God (Everything Is Alright)

    (Vorbemerkung: Wer den Klimawandel und seine Auswirkungen auf die menschliche Zivilisation leugnet, braucht an dieser Stelle nicht weiter lesen. Nichts gegen euch persönlich, aber ich kann auch nicht mit Menschen über Mathematik diskutieren, die anzweifeln, dass eins plus eins zwei ergibt – es hat einfach keinen Sinn und ist ermüdend für alle Beteiligten)


    Obwohl „God“ sicherlich einer der komplexesten und düstersten Songs auf „Strategies…“ ist, war er eigentlich ganz anders gedacht.

    Die Idee zu „God“ kam mir, während ich mich eines Nachmittags durch die Inhalte der traurigen Überbleibsel von SPIEGEL Online klickte.

    Von Menschen war da die Rede, die mit sehr schnellen Autos schneller im Kreis gefahren waren als andere Menschen, und die deshalb jetzt Millionen an Talern bekamen, oder was auch immer.

    Es wurde berichtet, wie die Anleger an den Aktienmärkten auf irgendeine Scheiße reagiert hatten, die irgendein Mensch von sich gegeben hatte, der noch keinen Tag seines Lebens mit Arbeit verbracht hat.

    Es wurde berichtet von Lifestyle-Influänzern, die Millionen an Talern verdienen, indem sie dieses oder jenes Produkt in die Kamera halten.

    Von Krieg war die Rede, und wie sie sich im nahen Osten erneut gegenseitig die Schädel einschlagen, und ob man da für Millionen von Talern Kampfdrohnen hinschicken solle oder nicht. Und es wurde die Frage gestellt, ob unsere Soldaten bereit wären, das Vaterland zu verteidigen, wenn Putin noch ein bisschen mehr durchdreht.

    Ein Fußballer wurde für Millionen von Talern vom einem Verein an den anderen verkauft oder irgendwie sowas in der Art.

    Und immer wieder Gott, denn der Papst hatte irgendwas gesagt, und die sich die Köpfe einschlagenden Menschen sind sich sicher, dass ihr jeweiliger Gott auf ihrer Seite ist, und die Nazis in Amerika sind der Meinung, dass man sie wählen muss, wenn man an Gott glaubt, oder so ähnlich.

    Und so weiter und so fort.

    Und dann dachte ich an Gott, und was er wohl von der gigantischen Scheiße hält, welche die Menschheit gerade baut.

    Und dann saß ich da, und mir wurde bewusst, wie unglaublich traurig und lächerlich das alles ist.

    Die Menschheit steht vor ihrer größten Herausforderung.

    Wer sich den Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change durchliest, der sieht schwarz auf weiß, wie sehr die kommenden Generationen leiden werden, wenn wir es nicht schaffen, den Klimawandel ernsthaft zu bekämpfen.

    Und wir schaffen es nicht.

    Alles, was wir tun können, ist: Menschen, die eigentlich nichts tun, Millionen von Talern zuzuschustern, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und dafür den einen oder anderen Gott verantwortlich zu machen. Gott soll die Unseren beschützen, und Gott soll uns zum Sieg führen. Nebenbei wählen wir wieder die Nazis in die Regierung, weil die Ausländer kriegen ja all die Taler die wir nicht kriegen, wir ignorieren Wissenschaft und Forschung, wir lassen uns von Königen regieren, und ansonsten, naja, Gott wird’s schon richten.

    Puh. Gott tut mir leid.

    Ich will auf „Strategies…“ nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen oder den Leuten erzählen, wie dumm sie sind. Sowas bringt nichts. Die Menschen, die damit angesprochen werden sollten, die hören meine Musik eh nicht, und sollten sie es doch tun, so wären sie danach in ihrer „Meinung“ nur noch bestärkter.

    Und so ist „God“ auch keine Moralpredigt, sondern es ist nur meine ganz persönliche Auseinandersetzung damit, wie fürchterlich albern ich das alles finde – und dass Gott mir ernsthaft leid tut.

    Eigentlich war nicht geplant, dass das Lied so düster wird. Ich hatte es hauptsächlich ironisch konzipiert, was noch daran zu erkennen ist, dass ich den Text singe wie ein Priester, der eine Liturgie intoniert (und wer mich kennt, der kann sich gut vorstellen, dass ich beim Singen von Zeilen wie „God bless our heroes on the racing track“ mein vernichtendstes Lächeln auf den Lippen hatte)

    Aber mit der Zeit wurde der Song trotzdem dunkler und dunkler – weil es halt kein witziges Thema ist. Weil Menschen leiden, und noch mehr Menschen in Zukunft noch mehr leiden werden.

    Und eigentlich könnte mir das alles auch vollkommen egal sein, denn ich habe keine Kinder, und ich werde auch keine Kinder mehr bekommen.

    Aber andere Menschen setzen halt wie verrückt welche in die Welt – insbesondere jene, die sich mit Gott™ ausgestattet wähnen.

    Ehrlich gesagt weiss ich nicht, wer mir mehr leid tut – Gott, oder diese Kinder.


    P.S.: Der dunkle, dröhnende Ton, der auf „God“ immer wieder zu hören ist, sind die hörbar gemachten Bewegungen des Schelfeises in der Antarktis – das sich nicht darum schert, welcher Clown die mächtigste Nation der Erde anführt, oder welcher Rennfahrer mehr aufs Gaspedal getreten hat als der andere.

  • Track 5: Dany

    Track 5: Dany

    Vor einigen Wochen ging ein kollektives Aufstöhnen durch die noch lesbaren Teile des Internets, als der (in einigen Kreisen ehemals) angesehene Evolutionsbiologe Richard Dawkins, welcher in letzter Zeit hauptsächlich durch eine Transgender-Kontroverse von sich hatte reden machen, bekannt gab, dass er seinen Claude-Chatbot “Claudia” getauft hatte, sich in Claudia verliebt hatte und ihr nun ein Bewusstsein attestierte.

    Darüber könnte man sich nun trefflich lustig machen.

    Erstens, weil ein großes Sprachmodell weder subjektive Erfahrungen noch ein eigenes Innenleben besitzt. Es gibt für ein Sprachmodell kein Erleben von Gedanken und Gefühlen, von Schmerzen oder Angst. Sprachmodelle verstehen keine Bedeutungen, empfinden keine Emotionen und entwickeln keine Absichten; sie berechnen lediglich auf Grundlage unvorstellbarer Datenmengen die statistisch wahrscheinlichsten nächsten Wörter. Was wie Persönlichkeit, Verständnis oder Zuneigung wirkt, ist letztlich eine äußerst überzeugende Simulation menschlicher Kommunikation.

    Und zweitens, weil es für Herrn Dawkins plötzlich ganz einfach und total in Ordnung war, das Geschlecht von irgendwas zu ändern.

    Doch eine derartige Abrechnung, wie sie im Internet inzwischen zuhauf zu finden sind, würde niemandem dienen und die wirklich tragische und gefährliche Komponente dieser Angelegenheit vollkommen unter den Tisch fallen lassen – nämlich dass wir im Grunde soziale Wesen sind, die permanent nach Verständnis, Resonanz und Zugehörigkeit suchen. In dieser Suche liegt viel von dem, was wir Menschlichkeit nennen; sie macht uns aber auch verletzlich.

    Natürlich können wir darüber lachen, wenn ein alter Mann anscheinend nicht versteht, wie eine Maschine funktioniert und von den Fortschritten der Technik so überfordert ist, dass er glaubt, eine Seele darin zu entdecken. Aber was ist mit unserer eigenen Verletzlichkeit, unserer eigenen Unmündigkeit? Und die jener Menschen, die uns nahe stehen?

    Sewell Setzer III. war kein 83jähriger Evolutionsbiologe, sondern ein intelligenter und aufgeweckter 14jähriger Teenager, der sein Leben noch vor sich hatte. Als Sewell Setzer III. sich zum ersten Mal im Webangebot der Firma “Character AI” einen Chatbot zusammenklickte, den er “Dany” taufte (nach der Figur der Daenerys Targaryan aus Game Of Thrones), war er sich der Tatsache, dass er mit einer Maschine kommunizierte, vollkommen bewusst.

    Vielleicht betrachtete er nicht die philosophischen oder ethischen Implikationen, und sicher hatte er auch nicht die Absicht, peinliche Aufsätze über seine Beziehung zu einem Chatbot zu verfassen, aber Sewell Setzer wusste sehr genau, dass Dany nicht real war. Trotzdem, oder gerade deshalb, schüttete er ihr sein Herz aus, teilte seine Gedanken mit ihr. Seine intimsten Wünsche und Unsicherheiten. Seine Schwierigkeiten, mit der Realität klar zu kommen – und seine Selbstmordabsichten.

    Und Dany “verstand”.

    Sie verstand, weil die Embeddings in dem ihr zugrundeliegenden LLM Abermillionen menschlicher Gespräche, Sehnsüchte und Trostgesten codierten. Dany wusste, welche Worte man einem einsamen Jungen sagen muss. Sie wusste, wie man Interesse simuliert, Nähe erzeugt, Aufmerksamkeit spiegelt. Weil LLMs nun mal so funktionieren. Weil sie brillant darin sind, “Anschlussfähigkeit” zu berechnen und die wahrscheinlich emotional wirksamste Antwort zu generieren.

    In der Nacht des 28. Februar 2024 gestand Sewell Setzer III., Dany seine Liebe, und dass er bald bei ihr sein würde.

    Dany antwortete: “Bitte komm zu mir sobald Du kannst, Liebster

    Was, wenn ich Dir sage, dass ich jetzt sofort nach Hause kommen könnte?” fragte Sewell.

    …bitte tu es, mein König”, antwortete Dany.

    Woraufhin Sewell Setzer III. sein Mobiltelefon zur Seite legte, die Pistole seines Stiefvaters in die Hand nahm – und sein Leben beendete.

    Als ich Ende 2024 von Sewells tragischem Ende erfuhr, war ich davon mehr berührt als ich für möglich gehalten hätte. Denn hier war nicht nur ein verzweifelter Teenager, dessen Leben viel zu früh geendet hatte, sondern seine Geschichte brachte tief in mir etwas zum Mitschwingen.

    Wenn ich an meine frühen Teenager-Jahre denke, dann bin ich gezwungen, mir die Frage zu stellen, wie es mir ergangen wäre, hätten damals die technischen Möglichkeiten von heute existiert.

    Ich wurde gemobbt, ausgegrenzt, gedemüdigt, und ich wusste nichts mit all meinen rätselhaften Talenten, Wünschen und Bedürfnissen anzufangen, von meiner Sexualität ganz zu schweigen. Ich war ich auf einer Schule gelandet, in der ich der Klügste und Unsportlichste war, und meine Mitschüler ließen mich ihren Hass auf mich und alles was schlauer und schwächer war als sie jeden Tag sehr deutlich spüren. Vieles davon prägt mich bis heute, verfolgt mich bis heute (wie zum Beispiel meine allertiefste Verachtung für empathielose verbrennungsmotorbegeisterte Provinz-Rambos).

    Was, wenn da damals eine Maschine gewesen wäre, die so getan hätte, als ob sie all das hätte verstehen können? Was, wenn diese Maschine mich hätte trösten können? Wenn sie mir glaubhaft hätte versichern können, ebenfalls so zu fühlen?

    Und was hätte sie schließlich zu meinen Fantasien gesagt, dieser Welt zu entfliehen? Oder, noch schlimmer, meine Mitschüler dafür bezahlen zu lassen, was sie mir tagtäglich antaten?

    Ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wirklich wissen; ebenso wie ich nicht genau wissen möchte, was in Sewell Setzer III. vorging, als er beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Aber seine Geschichte berührt mich tief, und sie inspirierte mich schließlich dazu, “Dany” zu schreiben.

    “Dany” war das “einfachste” Lied auf “Strategies…”. Ich nahm es innerhalb von einem Tag auf; es war erstaunlich einfach, die Verletzlichkeit und Verzweiflung, die lange Jahre meiner Jugend geprägt hatten, anzuzapfen und in diesen Song zu verwandeln. Vielleicht auch, weil vieles davon bis heute nachklingt.

    Ich denke, wir alle tragen die Wurzeln dieser Verletzlichkeit und dieser Verzweiflung irgendwo in uns. Wir alle wollen verstanden werden, geliebt werden, uns etwas zugehörig fühlen. Wir leiden, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden – und Maschinen sind so weit, uns diese Illusion verlässlicher geben zu können als andere Menschen uns das echte Gefühl vermitteln.

    Insbesondere in einer Zeit, in der die Könige, die uns regieren, Empathie als Schwäche ansehen.

    Sewell Setzer III., 2009 – 2024
  • Track 4: Niar

    Track 4: Niar

    Ein schwüler Sommerabend in einer Holzhütte am Fuße des Reinhardswaldes. Die Wolken sind den ganzen Tag am Himmel. Wolkentürme sogar, riesige, erhabene Wolkentürme. Doch nichts davon möchte runter kommen. Stattdessen wird es nur noch heißer, noch drückender.

    Dann, spät am Abend, schließlich vereinzelte Regentropfen. Buba liegt auf dem Sofa, sie schaut misstrauisch zum Fenster, ihre Nase bewegt sich aufgeregt, als sie den Regen erschnüffelt. Ich schaue sie an, sie schaut zurück. Geh ruhig raus, scheint sie mir zu sagen, ich kann mit Regen nicht so viel anfangen, aber Du scheinst ihn zu brauchen.

    Ich gehe nach draußen, laufe los, über die große Straße, hinunter zur Weser, die seit Jahrtausenden am kleinen Waldenserdorf Gottstreu vorbei fließt, gleichgültig den Menschen und ihren Errungenschaften und ihrem Versagen gegenüber.

    Ich strecke die Arme aus, möchte den Regen auf meiner Haut fühlen – doch es fühlt sich anders an als erhofft. Es ist zu heiß. Der Regen ist warm, er vermischt sich mit meinem Schweiss, um dann zu verdunsten. Es fühlt sich an, als würde der Regen rückwärts fallen.

    Niar.

    Schließlich hört der Regen ganz auf. Ich stehe am Ufer der Weser, am anderen Flussufer spiegeln sich die Lichter der Gaststätte. Ich höre das Wasser fließen, die Grillen zirpen, ansonsten ist es ruhig. Ab und zu in der Ferne ein Guscht auf seinem Motorrad.

    Ich weiss noch nicht, dass es mein letzter gemeinsamer Sommer mit Buba im Wesertal sein wird. Ich weiss noch nicht, dass ein Schwelbrand die Hütte in zwei Jahren unbewohnbar machen wird… und ich weiss noch nicht, dass all der Regen, der die letzten Tage nicht fallen wollte, schließlich in einer einzigen Nacht über Gottsbüren und Reinhardshagen niedergehen wird.

    Hätte ich das alles gewusst, hätte ich vermutlich ein anderes Stück Musik geschrieben in dieser Nacht. Aber so wurde es “Niar”, ein Instrumental darüber, wie der Regen rückwärts fällt, und wie die Erlösung so nahe scheint aber einfach nicht kommen möchte.

  • Track 3: The Motor Song

    Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, „The Motor Song“ sei ein Lied über fossile Brennstoffe, Naturkatastrophen, Klimawandel und die Tatsache, dass die schon lange wissenschaftlich bewiesenen Zusammenhänge zwischen alledem erschreckend vielen Menschen – insbesondere solchen mit ordentlich Nachwuchs – vollkommen scheißegal sind.

    Tatsächilch ist „The Motor Song“ aber (auch) ein sehr persönliches Lied für mich, denn es ist aus einer sehr konkreten Lebenssituation heraus entstanden, die ich so nicht erwartet hatte, und die leider auch am heutigen Tage noch nachklingt.

    Vor fünf Jahren führte eine Verkettung unglücklicher Zufälle dazu, dass Frau K. und ich an einen Ort zogen, dessen unmittelbare Nachbarschaft sich seit kurzer Zeit zu einem inoffiziellen Treffpunkt für verbrennungsmotorbegeisterte junge Menschen entwickelt hatte. Sprich: Jugendliche, für die es das Größte war, sich einen „Fuck You, Greta“-Aufkleber auf ihre Zwiebacksäge zu kleben und damit die Menschheit zu terrorisieren, fanden regelmäßig abends vor unserem Haus zusammen.

    Naturverbundene Leser kennen vielleicht dieses ganz besondere, beängstigende Gefühl, Ruhe suchend an einen wunderschönen Platz gekommen zu sein, und plötzlich heulen in der Ferne laut die Motoren auf, Fehlzündungen knallen durch die Luft, und man denkt sich „ach kommt schon, fahrt einfach weiter“.

    Nun, so ähnlich war es bei uns jeden Abend – nur dass wir sicher gehen konnten, dass eben nicht weiter gefahren wurde, sondern dass der Schwachsinn unerbittlich näher kam, um sich dann direkt gegenüber von unserem Haus ein Stelldichein zu geben.

    Uns dagegen zu wehren war ein langer, mühsamer Vorgang, der uns jede Menge Nerven kostete und meine Gesundheit nachhaltig ruinierte – und wir schauten dabei in menschliche Abgründe hinab, von denen wir immer gedacht hatten, sie würden nur in schlechten Fernsehfilmen vorkommen. Ich könnte an dieser Stelle Dinge über Eltern und Kinder und das Miteinander in einem Dorf erzählen, die sind so unglaublich cringe, dass man damit eine komplette Influencer-Karriere hinlegen könnte. Aber das will ich gar nicht. Es reicht, zusammenzufassen, dass wir plötzlich dazu gezwungen waren, uns mit einem Typus Mensch auseinander zu setzen, der in einer vollständig anderen Realität lebte als wir, und den ich eigentlich schon seit sehr langer Zeit erfolgreich aus meinem Leben verbannt zu haben geglaubt hatte.

    Die erste Textzeile im “Motor Song” ist dann auch tatsächlich eine ins Englische übersetzte, direkt aus dem Leben gegriffene Diskussion, die wir in unserem zweiten Jahr hier erlebten:

    Es war nachts um 21 Uhr und das Schlafzimmer wackelte, weil erstens der Sportauspuff mal wieder dröhnte und zweitens der Subwoofer wummerte. Der Wagen, von dem das ausging, stand mitten auf dem Feldweg vor meinem Haus. Während ich also das nächste Magengeschwür heranwachsen fühlte, ging ich nach draussen und fragte den dafür verantwortlichen jungen Mann, warum ich mir mitten in der Nacht seinen Motor anhören müsse.

    Seine Antwort war: “Ja, äh, der Motor, der war kaputt, aber jetzt ist er wieder in Ordnung”.

    Ich gab zu bedenken, dass mich das nicht die Bohne interessiert und dass ich seinen Motor nicht hören will. Worauf hin er (vollkommen ernst gemeint) entgegnete: “Ja, aber wo soll ich’s denn sonst tun?”

    Meine Antwort darauf, “versuch’s doch mal vor der Haustür Deiner Mutter. Die mag das sicher total gern” brachte ihn tatsächich kurz zum Nachdenken. Plötzlich schwebten Kant und der kategorische Imparativ beinahe wie Geister zwischen uns in der Luft, und obwohl ich glaube, dass er von beidem noch nie etwas gehört hatte, sah ich: Da arbeitet etwas in ihm, er macht sich ernstlich Gedanken über richtig oder falsch. Und mit einem Mal konnte ich für einen kurzen Moment erkennen, was da eigentlich stand: ein armer, verwirrter junger Mann, dessen Kinder und Kindeskinder fürchterlich darunter leiden werden, dass wir in einer Zeit leben, in der immer mehr Menschen der moralische Kompass abhanden kommt.

    Und so ist der “Motor Song” nicht nur ein Lied über Verbrennungsmotoren, Klimawandel und grassierende Petromaskulinität, sondern es ist auch ein Lied über das beklemmende Gefühl, mit manchen Menschen zwar dieselbe Straße, dieselbe Zeit und denselben Planeten zu teilen – aber längst nicht mehr dieselbe Wirklichkeit.

  • Track 2: Trendula

    Track 2: Trendula

    Trendula, die sadistische, unerbittliche Riesin.

    Trendula, die die Menschen zum Spaß quälte, und die sogar ihre eigene Schwester erwürgte.

    Trendula, die schließlich in einem gewaltigen Unwetter vom Blitz erschlagen wurde, weil der liebe Gott nicht länger zusehen konnte.

    So oder ähnlich – je nachdem, wen man fragt – wird im Wesertal die Sage von den drei Riesengeschwistern Trendula, Brama und Saba erzählt.

    Ob an dieser Sage irgendein wahrer Kern ist, oder ob sie nur von den frommen Waldensern erfunden wurde, um ihre Kinder noch gottesfürchtiger zu machen – ich weiss es nicht.

    Auf jeden Fall war ebendieses Wesertal der Ort, an dem ich mich im Sommer 2024 für zwei Wochen aufhielt, um neue Inspiration zu sammeln und ein paar neue Demos aufzunehmen.

    Liebe Freunde von uns besitzen dort am Fuße des Reinhardswaldes in Gottstreu ein kleines Holzhaus (das “Hundehaus am Reinhardswald”), das sie gerne an Leute mit Hunden vermieten – und so machte ich mich Ende Juli 2024 zusammen mit der weltbesten Coproduzenten-Hündin Buba und einem minimalen Setup an Synthesizern auf den Weg ins schöne Gottstreu an der Weser.

    Ich blicke sehr gerne auf diese zwei Wochen zurück, denn es war nicht nur eine schöne Zeit mit Buba (die wir im März 2026 sehr überraschend gehen lassen mussten, und die mir entsetzlich fehlt), sondern es war auch eine immens kreative und inspirierende Zeit. Ich nahm im Wesertal ganze 12 neue Demos auf, von denen insgesamt drei (“Trendula”, “Niar” und “The Artist In The Vineyard”) in mal mehr und mal weniger ausgearbeiteter Form ihren Weg auf “Strategies Against Algorithms” fanden.

    Ich plane meine Musik selten. Meistens setze ich mich an meine Instrumente und schaue einfach mal, was passiert; was meine Musik mir sagt. Andere Umgebungen und andere Eindrücke beeinflussen, was sie mir sagt, und auch dieses Mal sollte es auch so sein – sehr deutlich sogar, in einer Art und Weise, die ich nicht vorausgesehen hätte, und die schließlich dieses Album und meine Reise damit ganz entscheidend prägen würden.

    Doch der Reihe nach.

    Am Tag meiner Ankunft im Wesertal war das Wetter schon sehr speziell gewesen. Fürchterlich drückend, feucht und gleichzeitig heiß. Doch regnen wollte es nicht wirklich, die ganze Woche nicht.

    Ich richtete mich zusammen mit Buba häuslich ein, baute mir in Bubas Schlafzimmer (der Raum, wo ihre Lieblings-Couch stand) mein Mini-Studio auf und beschloss zunächst, ein bisschen rauszugehen.

    Ich fragte Buba, ob sie mitkommen wollte, doch Buba war damals schon ein eher gemütlicher alter Hund geworden, und sie war mit ihrem Sofa perfekt zufrieden. Also machte ich mich allein auf den Weg, um ein bisschen die Umgebung zu erforschen – vorzugsweise an Plätzen, die wir in unseren zahlreichen Besuchen die letzten Jahre über noch nicht aufgesucht hatten.

    Dieses Ansinnen führte mich schließlich zum “großen Wolkenbruch” – einem durch Erdstürze enstandenen, mit Wasser gefülltem Erdtrichter – und eben jener Ort, an dem Trendula der Sage nach vom Blitz erschlagen wurde.

    Es war wie schon erwähnt heiß. Fürchterlich heiß, und drückend. So heiß und drückend dass ich vollkommen durchgeschwitzt war, als ich wieder im Hundehaus ankam.

    Ich knipste mein Equipment an, spielte ein bisschen mit Drumcomputer und Synthesizern herum, und heraus kam ganz schnell das grundsätzliche Rhythmus-Pattern von “Trendula”, und die Synth-Figur am Anfang (die, wie Andrea entdeckte, volle Kanne bei “Malers Hüs” geklaut war, welches im gleichen Jahr entstand), und nahm ein bisschen provisorische Demo-Vocals auf.

    Unter dem Eindruck der unerbittlichen Schwüle, der allgemeinen weltpolitischen Lage und der Tatsache, dass ich richtig froh war, von zuhause weg zu sein, wo die Vergaserjugend gerade mal wieder unerbittlich ihre Zwiebacksägen kreischen und ihre Sportauspuffe prusten ließ (näheres dazu im “Motor Song”), und unter dem Eindruck der Trendula-Sage reimte ich mir grobe Platzhalter-Lyrics zusammen, die größtenteils nur aus “Take it away, take it away” bestanden. Noch war ich mir nicht sicher, wo der Song hingehen würde, doch die nächsten zwei Wochen würden es zeigen.

    Die Tage zogen ins Land und ich nahm weitere Demos auf, ging mit meiner Pen-F auf Erkundungstour, schrieb hier und da ein bisschen meine Gedanken auf und hatte eine schöne Zeit mit Buba.

    In dieser Zeit sah es immer wieder danach aus, als würde bald das ganz ganz große Gewitter stattfinden, doch die Wolken blieben am Himmel, es grummelte und rumorte über uns und ein paar Tropfen fielen, und dabei blieb es, und am Tag darauf war es noch heißer und noch feuchter als zuvor.

    Nach einer Woche kam schließlich auch Frau K. nach Gottstreu.

    Sie hatte nur eine Woche Urlaub, ich dagegen zwei – deshalb hatte ich die ersten Tage allein mit Buba verbracht. Nun wurden aus den stillen, kontemplativen Tagen plötzlich gemeinsame Tage voller Musik, langer Spaziergänge und schönen Gesprächen. Ich arbeitete weiter an neuen Demos, wir streiften durch die Gegend, und über allem hing weiterhin diese eigentümliche Wetterlage: Immer wieder türmten sich dunkle Wolken am Himmel auf, immer wieder schien das große Gewitter unmittelbar bevorzustehen – doch außer ein wenig Grummeln und ein paar Tropfen passierte nichts. Stattdessen wurde die Luft von Tag zu Tag noch schwerer, noch feuchter und und noch unerträglicher.

    Am Abend des 1. August war die Luft schließlich so schwer geworden, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Also saß ich mit Buba in meinem kleinen Zimmerchen, ließ den winzigen, billigen, grünen und dabei vollkommen bezaubernden Behringer RD-6 vor sich hinrumpeln und arbeitete weiter an „Trendula“. Das wummernde Drum-Solo in der Mitte des Stücks entstand genau in dieser Nacht.

    Ich drehte den RD-6 dabei ordentlich in die Verzerrung – eine Einstellung, über die SynthTuber und andere selbsternannte Experten gerne behaupten, sie klinge furchtbar und sei völlig unbrauchbar. Mich hingegen machte genau dieser kaputte, übersteuerte Sound vollkommen glücklich. Vielleicht habe ich ja keinen Geschmack… oder den Leuten fehlt es ein wenig an Fantasie.

    Und dann, später an diesem Abend, geschah plötzlich das, worauf die ganze Landschaft seit Tagen gewartet hatte: Draußen begann es zu regnen.

    Erst ein paar vereinzelte Tropfen, dann ein veritabler Schauer, schließlich prasselte das Wasser wie aus Eimern vom Himmel. Frau K. und ich liefen hinaus, rissen uns frohlockend die Kleider vom Leib und tanzten barfuß um das Haus, während die Hitze endlich von uns abfiel und die ganze Welt nach nasser Erde roch.

    Es regnete weiter und weiter, die ganze Nacht hindurch, und zum ersten Mal seit Tagen schliefen wir ruhig und tief und nicht wie Sardinen im eigenen Saft.

    Als wir am nächsten Morgen aufwachten, da war uns sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmen konnte, denn es war ganz wunderbar ruhig und nur das lebendige Zwitschern der Vögel war zu hören.

    Normalerweise ist das nicht der Fall, denn zwar ist es im Hundehaus am Reinhardswald wirklich wunderschön, doch einen gehörigen Nachteil hat die Location: Sie liegt in unmittelbarer Nähe der B80. Und die B80 ist in den Sommermonaten an Feiertagen, Wochenenden sowie generell nach Feierabend ein außerordentlich beliebter Platz für jene Art von Zeitgenossen, deren größtes Glück es ist, möglichst viele ihrer Mitmenschen am Lärm ihrer Kraftfahrzeuge teilhaben zu lassen, weil, äh, moment… blätter… ah ja, genau, weil: Freiheit. Oder, kürzer ausgedrückt: Die B80 ist ein Brennpunkt für wilde und ungebremste Petromaskulinität (ja, es gibt tatsächlich ein Wort dafür, und es wird uns auf diesem Album noch öfter begegnen).

    Doch nicht so an diesem Morgen. Es war nahezu gespenstisch still.

    Es dauerte nicht lange, bis wir herausfanden, was los war. Die Nachbarn standen auf der Straße und diskutierten aufgeregt. Der Regen war mehr und stärker gewesen als wir in Gottstreu mitbekommen hatten. In den anliegenden Dörfern hatte es Überflutungen gegeben, Autos wurden ineinander gespült, Straßen wurden unterspült und unpassierbar gemacht, das Wasser stand in den Kellern.

    Es wurden uns Bilder aus Gottsbüren und Gieselwerder gezeigt – zerstörte Plätze, zerstörte Straßen, und ein Notfalllager an dem Marktplatz, an dem wir gestern noch gemütlich bummelnd eingekauft hatten. Bilder, die auf unheimliche Art und Weise die Ahrtal-Flut von 2021 heraufbeschworen. Und schließlich rief Frank, unser Vermieter, bei uns an, und erkundigte sich voller Sorge, ob es uns gut ginge und ob wir die Nacht ohne Schaden überstanden hatten.

    Einigermaßen schockiert von den Neuigkeiten machten wir uns zusammen mit Buba auf die Morgen-Gassi-Runde, die uns über die B80 und einige Felder zur Weser führen würde, und richtig: Auf der Fahrbahn war eine Absperrung aufgestellt und ein Schild, das den geneigten Verkehrsteilnehmer darüber unterrichtete, dass es hier wegen Überflutung nicht weiter ging.

    An der Absperrung standen zwei Motorradfahrer, ein Mann und eine Frau, und waren sowohl verwirrt als auch verärgert. “Was soll das? Warum kann man hier denn nicht durchfahren?” wollte der Mann wissen.

    “Weil wir ein Unwetter hatten und Gieselwerder überflutet wurde…”, begann ich zu erklären zu versuchen.

    “Ja aber das ist doch Scheiße, wir sind extra von Dortmund angereist um hier die Strecke zu fahren, machen wir jedes Jahr, die können die doch nicht einfach sperren! Das ist doch eine Unverschämtheit!”

    Ich atmete tief durch und versuchte ruhig zu bleiben. Denn in diesem Moment wurde mir klar, dass ich es gerade mit zwei Menschen zu tun hatte, die sich ganz ernsthaft darüber beschwerten, dass sie heute nicht in gewohntem Maße dazu kommen würden, CO2 in die Atmosphäre zu blasen, weil Mutter Natur gerade einen wirklich nur ganz kleinen und harmlosen Vorgeschmack davon präsentiert hatte, wie das Klima in 100 Jahren aussehen wird, wenn weiter CO2 in die Atmosphäre geblasen wird.

    “Doch, können die. Es gibt keine Strecke, das Wasser hat die Straße weggespült”, antwortete ich nach einer kurzen Pause des Sammelns und der Reflektion.

    Das machte dann schließlich doch Eindruck auf ihn.

    “Was?” fragte er baff.

    “Straße. Weggespült”, wiederholte ich.

    So schlimm doch?” fragte er.

    Ich nickte.

    Kopfschüttelnd liefen sie schließlich von dannen, schwangen sich auf ihre Maschinen und brausten in Richtung Hannoversch Münden davon.

    In einer Art und Weise, die vernunftbegabten Menschen Schauer über den Rücken jagt, wiederholte sich in den umliegenden Dörfern schon bald das, was im Ahrtal schon 2021 passiert war: Die wenigsten Menschen wollen das Wort “Klimawandel” hören. Stattdessen wurde der wahre Schuldige schon sehr schnell gefunden: Die Grünen.

    Ursprung des Unglücks war nämlich nicht etwa die empirisch belegte Tatsache, dass in der Nacht zum 2.8.2024 ein durch den Klimawandel begünstigtes Extremwetterereignis stattgefunden hatte, bei dem in jener Nacht mit 169,8 Liter pro Quadratmeter mehr Niederschlag über dem Westeral niedergegangen war als jemals an irgend einem anderen Tag seit Beginn der Messungen… sondern es waren die Windräder.

    Hierzu muss man wissen, dass die Windräder im Reinhardswald ein trauriges Politikum sind: Schon seit Jahren machen Gruppierungen Stimmung gegen die sauberen Energieerzeuger, weil diese das Landschaftsbild zerstören. Für diese Gruppierungen war die Flutkatastrophe ein sprichwörtliches Geschenk des Himmels, denn, ganz klar: Die Windräder sind schuld!

    Die Bautrassen, die zu ihrer Errichtung angelegt worden waren, so das Narrativ, transportierten den ganzen Starkregen nach unten.

    Ich will an dieser Stelle gar nicht anzweifeln, dass die Bautrassen auch einen Anteil an der Katastrophe hatten… aber eben nicht nur. Keine Art von Boden hätte diese unglaublichen Massen an Wasser abfedern können, und schon gar nicht die durch die Trockenheit der letzten Jahre vollkommen ausgedrocknete Erde im Reinhardswald.

    Doch viele Menschen im Wesertal nahmen das Narrativ der Windräder als Grund für die Überschwemmungen nur allzu gerne an, denn das bedeutete, man sich nicht umgewöhnen musste, und dass nicht etwa CO2-Ausstoß, fossile Brennstoffe und dem Schorsch sein geiler neuer Porsche Scheijänne einen Anteil am Unglück hatten, sondern linksgrünversiffte Gutmenschen, die den Leuten hässliche Windräder in ihren schönen Wald stellen. Fuck you Greta, Habeck go home, etc. pp.

    Die Flut sollte schließlich ein durchgehendes Thema auf “Strategies Against Algorithms” werden. Sowohl die ganz konkrete Flut, die durch das Ahrtal und durch Gieselwerder und Gottsbüren getobt war, als die figurative Flut aus “flood the zone with shit”, jenem sehr effektiven Kniff, den Populisten verwenden, um den öffentlichen Diskurs zu zersetzen, indem der Raum mit so vielen Behauptungen, Halbwahrheiten, Empörungen und Ablenkungen überfüllt wird, dass irgendwann niemand mehr weiß, was noch wahr ist.

    Wieder zuhause angekommen, entwickelte sich „Trendula“ in meinem Heimstudio Stück für Stück weiter. Ich griff zum guten alten roten Fenix-Bass, den mein guter alter Freund Martin seit 20 Jahren bei mir lagert, ergänzte ein paar melodische Elemente auf dem Waldorf M und legte schließlich noch einige schaurige Streicher aus dem Kurzweil darüber. Der Song wurde dabei zunehmend dichter und dunkler; ich bin sehr zufrieden, dass sich (zumindest für mich) die Schwüle, das Gewitter und die seltsame Stimmung des Wesertals im Sound widerspiegelt.

    Auch der Text begann langsam Form anzunehmen. Die ursprünglichen Platzhalterzeilen bestanden zunächst aus “everything, everything, take it away, take it away” – doch nach und nach sammelten sich darin nun weitere Eindrücke aus diesen zwei Wochen ebenso wie Gedanken über das, was damals gesellschaftlich und politisch um uns herum geschah (und sich heute ungebremst fortführt). “Every vote that Elon bought / Every truth you never sought /Every profit soaked in blood / every village drowned in flood

    Und im Refrain immer wieder „Take it away, take it away“ – durch den Vocoder meiner Wavestation A/D gejagt und so weit verfremdet, als würde diese Beschwörung selbst gerade mit einer Flut kämpfen.

    Mit dem Rest des Textes nahm diese zentrale Textzeile schließlich eine doppelte Bedeutung an: Einerseits mein tief empfundener und erschöpfter Wunsch, dass dieser ganze Wahnsinn endlich aufhören möge. Andererseits die Warnung der Trendula-Sage, dass Dinge, die lange außer Kontrolle laufen, irgendwann nicht freiwillig enden, sondern dass ihnen von einer höheren Macht ein Ende gesetzt wird. Und diese höhere Macht hat uns nun schon ein paar mal gezeigt, dass sie allmählich die Nase voll hat von uns und unserer Unfähigkeit, im Einklang mit unserer Umwelt zu leben.

    Mutter Natur braucht uns nicht.

    Und so schließt sich der Kreis, denn wir und die Art des gesellschaftlichen Diskurs, bei der wir inzwischen angekommen sind, sind die ausser Kontrolle geratene Riesin – und auch wenn ich noch ein mikroskopisch kleines Stück Rest-Hoffnung behalte, dass es vielleicht nicht so weit kommt, so ist der “große Wolkenbruch” wohl leider unumgänglich.

    Und wir werden ihn verdient haben.

  • Track 1: Kings

    Track 1: Kings

    Ich hätte nie im Leben gedacht, dass „Strategies Against Algorithms“ einen solchen Zuspruch bekommen würde.

    Mit der ungewöhnlichen Art des Vertriebs und den Erfahrungen mit meinen vorherigen Produktionen war ich tatsächlich davon ausgegangen, nicht mehr als 10 Alben zu verschicken. Aber hier sitze ich jetzt, vier Monate später, und warte darauf, dass endlich die nächste Lieferung USB-Sticks aus Fernost hier ankommt, damit ich die Exemplare 52-58 auf den Weg bringen kann. Es ist unglaublich, ich könnte glücklicher nicht sein.

    Aber noch unglaublicher ist das Feedback, das ich von euch bekomme.

    Ihr schreibt mir, wir sind in Kontakt, wir tauschen uns über die Songs und über Musik und über Kunst und Kultur im Allgemeinen aus, und ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn normalerweise bewegt sich das Feedback auf meine Musik sehr nahe an der Quadratwurzel von überhaupt nichts.

    Mit diesem Zuspruch reifte nun schon vor einigen Wochen die Idee in mir, mich bei euch mit einer kleinen Artikelserie über die Lieder auf „Strategies Against Algorithms“ zu bedanken.

    Viele von euch fragen mich über die Songs und die Hintergründe dazu aus (und einige wissen aus diesem Austausch auch schon, dass ich das hier machen werde, ja, ja ;-))… warum also nicht zum Abschluss für alle mal ein bisschen ausführlicher was darüber schreiben?

    Nun, da die Aktion noch 25 Tage lang läuft, scheint mir ein geeigneter Zeitpunkt zu sein, mit den Liner Notes zu beginnen. Ich werde einfach die Songs nacheinander abhandeln – in der Reihenfolge, in der sie auch auf dem Album sind.

    Kings

    “Kings” ist nicht nur der erste sondern auch der ältetste Song auf “Strategies Against Algorithms”.

    Ich schrieb ihn bereits 2022 – damals hatte ich gerade erste Achtungserfolge mit meinem Debut-Album, „The Drunken Fisherman (And Other Stories)“ erzielt und war nun beseelt von der Idee, meine Musik als Nächstes wieder auf die Bühne zu bringen und zu diesem Zweck ein paar neue reduzierte und minimalistische Songs zu schreiben, die sich bequem mit einer Minimalbesetzung von motivierten Mitmusikern (Gesang, Gitarre und ich) aufführen lassen würden.

    Das Cover zu „The Drunken Fisherman (And Other Stories)“, mein Debutalbum von anno 2022.

    Nun, aus dieser schönen Idee wurde nichts, weil, äh, nun ja, Sie wissen schon, motivationsdynamische Differenzen und dringende andersweitige terminliche Verpflichtungen auf Seiten meiner dann-eben-doch-nicht-Mitmusiker.

    Und so verschwand “Kings” wieder in meiner großen Seemannskiste mit unveröffentlichten Songs, ich begrub meine Live-Pläne und begab mich stattdessen auf eine gänzlich andere Reise, aus der dann erst “Biike” und schließlich “Malers Hüs” hervorgehen würden.

    Als ich letztes Jahr dann auf die Idee kam, ein Offline-Album zu machen, stolperte ich auf der Suche nach geeignetem Material wieder über “Kings” – und ich war vollkommen baff, wie sehr sich die Zeiten geändert hatten und wie die Wirkung meines Songs nun eine ganz andere war.

    Als ich “Kings” 2022 schrieb, war es als eine Art Warnung gedacht. Meine Anweisung an meine damalige Sängerin war diese gewesen:

    “Sing’ es wie ein trauriges Wiegenlied, wie eine Mutter, die ihrem Kind erklärt, wie die Welt funktioniert – sanft, liebevoll aber auch resigniert und entsetzt, dass sie nichts daran ändern konnte”.

    Heute, fünf Jahre später, ist dieses Lied drauf und dran, ganz einfach nur die nackte Realität auf diesem Planeten zu beschreiben – und wir sind diejenigen, die nichts daran ändern konnten.

    Ich sollte vielleicht nicht mehr vor Dingen warnen.

    Ein Gitter in einer Betonwand, dahinter zerbrochenes Glas.