Track 9: Walk

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Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sehr sich der Entstehungsort auf die Musik auswirkt. Für mich klingen beispielsweise die drei Tracks, die ich im Hundehaus am Reinhardswald aufgenommen habe, vollständig anders als das, was ich zuhause gemacht habe.

Und nochmal anders klingt „Walk“ – der einzige Track auf diesem Album, der an der Nordsee aufgenommen wurde.

Eine liebe Freundin von mir hatte sich vor zwei Jahren dort einen alten Hof gekauft, um dort ihren Traum zu verwirklichen: Ein eigener Hof für ihre Pferde – und für andere Pferde mit Atemwegsproblemen, für die die Luft an der Nordsee wahre Wunder vollbringen kann.

Ich war hochgefahren um mit der Technik zu helfen und ein paar Tage an der Nordseeküste zu verbringen. Ich hatte wieder ein minimales Setup an elektronischen Musikinstrumenten dabei – einen Korg Minilogue und den Behringer Pro VS Mini, der mich schon ins Hundehaus begleitet hatte.

Eigentlich hatte ich kaum Zeit zum Schreiben neuer Musik – am Hof gab es genug Arbeit, und selbst wenn die getan war, so waren da immer noch die Pferde. Und Pferde haben ihre ganz eigene und sehr unwiderstehliche Art und Weise, mich abzulenken. Ich meine, Musik machen kann ich auch zuhause, aber mit einem Pferd hinter dem Deich entlang spazieren und dabei zusammen den Unterhaltungen der Möwen und Austernfischern zu lauschen, das ging nur hier.

Doch zwei Songs entstanden dennoch.

Einer davon – der erste, den ich schrieb – war ein ziemlich heftiges Electroclash-Demo mit dem Titel „A Good Day“. Es ging um Revolution, und darum, dass wir ganz dringend eine brauchen. Dass es Zeit wird, sich aktiv zu wehren gegen die entsetzliche, überall um sich greifende abgrundtiefe Doofheit auf dieser Welt. Es war mehr oder weniger ein Aufruf zum Widerstand, und ich ließ offen, ob er mit Gewalt vonstatten gehen sollte oder nicht, weil ich mir da ganz ehrlich gesagt nicht mehr vollständig sicher bin.

Es sei ein guter Tag, den Palast zu stürmen und die Tyrannen durch die Stadt zu jagen, und so weiter…

Am nächsten Tag wurde dann Charlie Kirk ermordet, und obwohl Charlie Kirk ein durch und durch verachtenswerter Mensch war und die Welt durch seinen Verlust garantiert nicht ärmer ist, wurde mir klar, dass ich das nicht bringen kann.

Ich ließ es also bleiben mit der Musik und kümmerte mich lieber um den Hof und die Pferde.

Dann aber, an einem der nächsten Tage, unternahm ich eine Wanderung.

Bevor ich erzähle, warum diese Wanderung so besonders war, muss ich etwas ausholen. Und zwar muss man über die Wurster Nordseeküste wissen, dass man da weder an die Nordsee noch an die Küste besonders gut rankommt. Das meiste vom unmittelbaren Küstengebiet sind Ausgleichsflächen für den Hafenbau (also Flächen, die dem Naturschutz gewidmet wurden, damit woanders kräftig die Natur kaputt gemacht werden kann), die nicht betreten werden dürfen und von Kühen bewohnt wird.

Es gibt in der Nähe vom Hof nur einen Zugang zum Meer, und der ist – wie sollte es in Deutschland anders sein – gesäumt von Pommes- und Fischbrötchenbude, Campingplatz, Campingplatz nur für Camper mit Wohnwagen einer bestimmten Marke, Campingplatz nur für Camper die sich ausziehen wollen, Spielplatz, noch ein Spielplatz, gebührenfreier Parkplatz, gebührenpflichtiger Parkplatz, Touri-Nepp-Strandbar, Touri-Informations-Container, Toiletten, Duschen, und, nicht zu vergessen: eine Kasse an der überprüft wird, ob mensch auch die Kurtaxe bezahlt hat.

Und er ist voll mit Menschen, die zum Meer wollen, die all so ein Blödsinn nicht abschreckt, und die mit SUVs, Wohnwagen, Wohnwagen einer bestimmten Marke, Midlife-Crisis-Kampfrädern, Zwiebacksägen sowie einem Gefolge an quängelnden Blagen anrücken, um dieses Ziel zu erreichen.

Kurz, bis man endlich am Wasser ist, muss man derart vielen unerfreulichen Guschts* und Guschtinen ausweichen, dass auch das Meer nichts mehr retten kann.

Doch auf meinen Erkundungstouren über den Deich hatte ich einige Tage zuvor weiter entfernt im Norden eine Stelle gesehen, die sehr vielversprechend nach Zugang zum Meer aussah, und an der all die erwähnten Zivilisationskrankheiten abwesend zu sein schienen.

Gut, das Ganze war ziemlich weit weg, aber wenn ich’s vom Deich aus erkennen konnte, dann sollte es doch eigentlich möglich sein, es in einem kleinen, schönen Spaziergang zu erreichen, so dachte ich mir.

Die Entfernungen hier im schönen Naturpark Rhein-Westerwald sind für mich allesamt ziemlich gut einzuschätzen. Ich hab mich dran gewöhnt, dass gewisse Orientierungspunkte, die ich gut kenne, für Entfernungen stehen, die ich gut einschätzen kann.

Oben im Norden ist das geringfügig anders, die Dinge, die man mit dem bloßen Auge erkennen kann, sind viel weiter entfernt als es das Auge gewohnt ist. Und so lief ich und lief und lief, schien meinem Ziel aber nur sehr allmählich näher zu kommen.

Landschaftlich passierte nicht viel – der Damm ist ein Damm, und er ist sehr, sehr lange und gleichförmig. Irgendwann war ich allein mit meinen Gedanken und lief weiter und weiter. Da war keine Pferde, die mich ablenkten und keine Arbeit am Hof. Es gab keine nervige Vergaserjugend und keinen Brotjob, den ich tun musste, um mir die Musik und die Tierpflege leisten zu können, es gab nur mich und die Situation, in der ich damals war.

Und die Situation war die, dass ich ein ziemlich genaues Bild davon hatte, was ich nicht wollte – was mir alles auf den Nerv ging. Die überall auf der Welt um sich greifende, abgrundtiefe Doofheit zum Beispiel. Die petromaskulinen Störfälle mit ihren Schwanzverlängerungen und ihre bescheuerten Fuck-You-Greta-Aufklebern. Das Erstarken des Faschismus. Die Art und Weise, wie eine Technik, die niemand ernsthaft will oder braucht, in alle Bereiche unseres Lebens vordringt. Die Liste ist lang, und ich verachte alles darauf, mit Leidenschaft.

Aber eigentlich will ich das nicht sein.

Ich will nicht verachten. Ich will, dass das alles wieder aufhört. Und wenn ich noch ein Album mache, dann würde ich es gerne über das Schöne in dieser Welt machen können, und nicht über die Guschts, die sie kaputt machen.

Tatsächlich ist dies einer meiner sehnlichsten Wünsche.

Und ich begann, leise vor mich hinzusingen: „I’m gonna walk till I don’t feel the pain any more…

Ich lief weiter und weiter und der Text entwickelte sich weiter und weiter. Es wurde ein sehr persönlicher Text, über die Sehnsucht danach, jene Dinge, die ich nicht mehr in meinem Leben haben will, irgendwie hinter mir lassen zu können und mich selbst wieder zu finden.

Nach insgesamt 8 Kilometern war ich an meinem Zugang zum Meer angekommen. Und was soll ich sagen, der Marsch hatte sich gelohnt. Nicht nur, dass es hier wunderschön war und Frittenbuden & Co. durch ihre vollständige Abwesenheit zu begeistern vermochten – ich hatte auf dem Weg auch die erste Hälfte eines neuen Songs in mein Handy gesummt.

Die zweite Hälfte folgte dann am Abend, als ich mich im „Haus Störtebeker“ – so der Name meiner Unterkunft –, todmüde und mit vom 16km Gewaltmarsch schmerzenden Gliedmaßen, an meine Instrumente setzte und ein erstes, grobes Demo aufnahm.

Am nächsten Abend lief ich spät nachts nochmal zum Meer, dieses Mal aber keine 8 Kilometer, sondern den direkten Weg am Kutterhafen vorbei und an den nunmehr geschlossenen Frittenbuden entlang. Es war menschenleer, Ebbe, und die Wasservögel ließen ein wahres Konzert an den unterschiedlichsten Lautäußerungen hören. Ich nahm ihre Darbietungen mehr schlecht als recht mit meinem Handy auf (sie sind auf dem Song im Hintergrund an der Stelle zu hören, an der nur das Schlagzeug spielt und immer dumpfer wird, bis es schließlich ganz weg ist; und dann nochmal, zusammen mit anderen Wasservögeln, in der Coda).

Bald waren sie überall um mich herum, das Watt war in tiefes spätabendliches Blau getaucht, und es war ein ganz beeindruckendes, ergreifendes Erlebnis. Es war mir beinahe als würden sie sagen, ich müsse nur hinhören und ich würde meinen Weg schon finden.

Ich hoffe, es wird irgendwann so weit sein.


*Guscht [ɡʊʃt], der; Substantiv, maskulin (stark abwertend)

Bedeutung:
Mensch, der durch Egoismus, Rücksichtslosigkeit und bemerkenswerten Mangel an Empathie auffällt und dessen Anwesenheit die Lebensqualität seiner Mitmenschen messbar verschlechtert.

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