
Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, „The Motor Song“ sei ein Lied über fossile Brennstoffe, Naturkatastrophen, Klimawandel und die Tatsache, dass die schon lange wissenschaftlich bewiesenen Zusammenhänge zwischen alledem erschreckend vielen Menschen – insbesondere solchen mit ordentlich Nachwuchs – vollkommen scheißegal sind.
Tatsächilch ist „The Motor Song“ aber (auch) ein sehr persönliches Lied für mich, denn es ist aus einer sehr konkreten Lebenssituation heraus entstanden, die ich so nicht erwartet hatte, und die leider auch am heutigen Tage noch nachklingt.
Vor fünf Jahren führte eine Verkettung unglücklicher Zufälle dazu, dass Frau K. und ich an einen Ort zogen, dessen unmittelbare Nachbarschaft sich seit kurzer Zeit zu einem inoffiziellen Treffpunkt für verbrennungsmotorbegeisterte junge Menschen entwickelt hatte. Sprich: Jugendliche, für die es das Größte war, sich einen „Fuck You, Greta“-Aufkleber auf ihre Zwiebacksäge zu kleben und damit die Menschheit zu terrorisieren, fanden regelmäßig abends vor unserem Haus zusammen.
Naturverbundene Leser kennen vielleicht dieses ganz besondere, beängstigende Gefühl, Ruhe suchend an einen wunderschönen Platz gekommen zu sein, und plötzlich heulen in der Ferne laut die Motoren auf, Fehlzündungen knallen durch die Luft, und man denkt sich „ach kommt schon, fahrt einfach weiter“.
Nun, so ähnlich war es bei uns jeden Abend – nur dass wir sicher gehen konnten, dass eben nicht weiter gefahren wurde, sondern dass der Schwachsinn unerbittlich näher kam, um sich dann direkt gegenüber von unserem Haus ein Stelldichein zu geben.
Uns dagegen zu wehren war ein langer, mühsamer Vorgang, der uns jede Menge Nerven kostete und meine Gesundheit nachhaltig ruinierte – und wir schauten dabei in menschliche Abgründe hinab, von denen wir immer gedacht hatten, sie würden nur in schlechten Fernsehfilmen vorkommen. Ich könnte an dieser Stelle Dinge über Eltern und Kinder und das Miteinander in einem Dorf erzählen, die sind so unglaublich cringe, dass man damit eine komplette Influencer-Karriere hinlegen könnte. Aber das will ich gar nicht. Es reicht, zusammenzufassen, dass wir plötzlich dazu gezwungen waren, uns mit einem Typus Mensch auseinander zu setzen, der in einer vollständig anderen Realität lebte als wir, und den ich eigentlich schon seit sehr langer Zeit erfolgreich aus meinem Leben verbannt zu haben geglaubt hatte.
Die erste Textzeile im “Motor Song” ist dann auch tatsächlich eine ins Englische übersetzte, direkt aus dem Leben gegriffene Diskussion, die wir in unserem zweiten Jahr hier erlebten:
Es war nachts um 21 Uhr und das Schlafzimmer wackelte, weil erstens der Sportauspuff mal wieder dröhnte und zweitens der Subwoofer wummerte. Der Wagen, von dem das ausging, stand mitten auf dem Feldweg vor meinem Haus. Während ich also das nächste Magengeschwür heranwachsen fühlte, ging ich nach draussen und fragte den dafür verantwortlichen jungen Mann, warum ich mir mitten in der Nacht seinen Motor anhören müsse.
Seine Antwort war: “Ja, äh, der Motor, der war kaputt, aber jetzt ist er wieder in Ordnung”.
Ich gab zu bedenken, dass mich das nicht die Bohne interessiert und dass ich seinen Motor nicht hören will. Worauf hin er (vollkommen ernst gemeint) entgegnete: “Ja, aber wo soll ich’s denn sonst tun?”
Meine Antwort darauf, “versuch’s doch mal vor der Haustür Deiner Mutter. Die mag das sicher total gern” brachte ihn tatsächich kurz zum Nachdenken. Plötzlich schwebten Kant und der kategorische Imparativ beinahe wie Geister zwischen uns in der Luft, und obwohl ich glaube, dass er von beidem noch nie etwas gehört hatte, sah ich: Da arbeitet etwas in ihm, er macht sich ernstlich Gedanken über richtig oder falsch. Und mit einem Mal konnte ich für einen kurzen Moment erkennen, was da eigentlich stand: ein armer, verwirrter junger Mann, dessen Kinder und Kindeskinder fürchterlich darunter leiden werden, dass wir in einer Zeit leben, in der immer mehr Menschen der moralische Kompass abhanden kommt.
Und so ist der “Motor Song” nicht nur ein Lied über Verbrennungsmotoren, Klimawandel und grassierende Petromaskulinität, sondern es ist auch ein Lied über das beklemmende Gefühl, mit manchen Menschen zwar dieselbe Straße, dieselbe Zeit und denselben Planeten zu teilen – aber längst nicht mehr dieselbe Wirklichkeit.
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