Track 8: Embeddings

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„Embeddings“ ist ein Fachbegriff aus der Welt des maschinellen Lernens (also dessen, was als „Künstliche Intelligenz“ verkauft wird).

Es handelt sich dabei um mathematische Repräsentationen von Bedeutungen, Zusammenhängen und Mustern – gewaltige Zahlenräume, in denen Wörter, Bilder, Stimmen, Songs und Ideen als Punkte abgelegt werden.

Vereinfacht gesagt: Maschinen „verstehen“ keine Inhalte, sondern sie zerlegen sie in statistische Beziehungen. Das Wort „Trauer“ liegt dann irgendwo nahe bei „Verlust“, „Einsamkeit“ und „Abschied“, eine heftig gespielte Double Base liegt irgendwo bei drölfzigtausend brutalen Gitarrenriffs, und ein trauriger Folksong nahe bei tausenden anderen traurigen Folksongs, und das alles liegt irgendwo auch beieinander weil es in einer für uns nicht denkbaren aber von einer Maschine sehr wohl berechenbaren Dimensionalität etwas miteinander zu tun hat.

Aus diesen Embeddings entsteht später das, was Menschen als „Generierung“ erleben, indem das System nicht etwa fertige Inhalte zusammensetzt, sondern schrittweise Wahrscheinlichkeiten innerhalb dieses Bedeutungsraums abtastet.

Mikey Shulman ist CEO von Suno, einer Firma, die alles, was es auf der Welt an Musik gibt, abgegrast und abgespeichert und in Embeddings zerlegt hat, damit auch Leute, die mit Musik überhaupt nichts am Hut haben, behaupten können, sie hätten „einen Song gemacht“ – einfach indem sie Suno sagen: „Mach mir bitte eine traurige 80er Jahre Pop-Ballade über Einsamkeit“.

Mikey behauptet, er tue das, um der Welt einen Gefallen zu tun, denn Musik zu machen würde gerade kaum jemandem Spaß machen. Weil es so schwierig sei.

Und Mikey wird nicht müde zu behaupten, „Music should be more like a videogame“ – Musik sollte mehr wie ein Videospiel sein.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Musik. Sollte. Mehr. Wie. Ein. Videospiel. Sein.

Das Dumme ist – wir leben mittlerweile in einer Welt, in der ganzganz viele Menschen beim Lesen dieser Worte eben nicht aufstöhnen, sondern mit den Schultern zucken und sich denken „naja, stimmt doch, ich kann keine Musik. Wäre doch toll, wenn ich Musik kann.“

Ja, stimmt, wäre toll, wenn Du Musik könntest.

Denn dazu müsstest Du Dich hinsetzen und ein Instrument lernen. Und wenn Du das wirklich tun würdest, dann würdest Du Dich damit auf eine lange, nie endende Reise begeben. Und auf dieser Reise würdest Du jede Menge über Dich selbst lernen, und über andere Menschen, über die Welt, über Gott, und über das Göttliche in uns. Eventuell würdest Du auch etwas über Natur lernen oder über Mathematik… je nachdem welche Abzweigungen Du auf Deiner Reise nimmst.

Das alles passiert nicht, wenn Du Suno einen kurzen Prompt gibst und das Ding dann einen Song ausspuckt, von dem Du Deinen Freunden sagen kannst: „Kuck mal, ich bin jetzt Musiker, ich habe einen Song gemacht, höhöhöhö“

Sorry, dass Du es von mir erfahren musst, aber:

Du bist kein Musiker.

Du bist ein Betrüger und ein Lügner.

Du hast keinen Song gemacht, sondern hunderttausend andere Leute (und darunter ziemlich sicher auch ich), die nie danach gefragt wurden ob das ok ist, haben einen Song für Dich gemacht.

Und das ist noch nicht mal das Traurigste. Das Traurigste, ist dass Du Dich selbst anlügst und betrügst.

(wer mehr darüber erfahren will, warum mich das so anfrisst, der darf an dieser Stelle gerne meinen offenen Brief an Mikey Shulman lesen)

Zurück zu „Embeddings“, dem Song.

„Embeddings“ basiert auf einem Traum von mir, oder einer Fieberfantasie… so genau sagen kann ich das gar nicht mehr, aber es ist eine Versinnbildlichung, wie ich als Künstler mich damit fühle, dass es Plattformen wie Suno gibt – die meine, Deine, alle Kunst und Kultur ernten, um dem Chabo von nebenan zu ermöglichen, „Musik zu machen“.

Ich stelle mir vor, auf einem OP-Tisch zu liegen, und der Anästhesist setzt mir den Venenzugang um die Narkose einzuleiten, und ich werde aufgefordert, bis 10 zu zählen (eine Sache, die ich in den letzten Jahren ein paarmal zu oft über mich habe ergehen lassen müssen).

Ich merke, wie ich müde werde, mich nicht mehr bewegen kann, und mich nicht mehr wehren kann.

Und dann kommt Mr. Mikey „Musik sollte ein Videospiel sein“ Shulman und schaut in mich rein, nimmt alles aus mir raus, was mich ausmacht, damit irgendwelche Blender daraus Musik machen können.

Ich spüre seine sanften, trockenen Hände auf mir, höre das Lachen meiner Ex-Kollegen von meiner Ex-Firma, die sich nie einen feuchten Dreck um meine Musik geschert haben, die aber zu fünft um ein Notebook herum stehen und einen Suno-Song nach dem anderen generieren lassen und das „toll“, „geil“, „fantastisch“ und „boah ist das gut“ finden, und währenddessen fühle ich, wie ich weniger und weniger werde während die Maschine das von mir ausschlachtet, was sich vermarkten lässt.

Joa. Das ist es ungefähr, worum es in „Embeddings“ geht. Und das ist es ungefähr, was ich fühle, wenn ich mir anschaue, wie sich „KI“ auf Kunst und Kultur auswirkt.

Und das ist einer der vielen Gründe, warum ich dieses Album als „Offline“-Album konzipiert habe.

Kommentare

2 Kommentare zu „Track 8: Embeddings“

  1. Avatar von Claudia
    Claudia

    Oh Stephan, vielen, vielen Dank für Deine tolle Musik und die tiefen Einblicke, die Du uns in Deine Kreativität ermöglichst. Das ist so ein Geschenk!
    Und Deine Themen treffen genau ins Herz!

    1. Avatar von Stephan

      Danke Dir vielmals 🙂 Das bedeutet mir sehr viel. Und vielen, vielen Dank fürs Zuhören.

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